Sonntag, 1. März 2009

Peter Müller:Kommissar Kammeiers 5.Fall: Der Aufstand, 2008

 

Handlung und Personen des Krimis sind vom Auto frei erfunden worden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig.

Personenregister
:
Charly Kammeier, 1. Kriminalkommissar
Maria Kammeier, Ehefrau
Simone Schwarzkopf, Kommissarin
Bernhard Brinkmann, Politische Polizei
Ministerialdirektor van Heukelum
Monika Bellmann, Kripo-Kommissarin

Lance Meyer, Leher Bürgerwehr genannt "Schwarzer"

Chick, Leher Bürgerwehr und verbotene KPD

Mama, Leher Bürgerwehr (Frau Lehmann)

Wilster, Leher Bürgerwehr und Mitglied der anarchistischen Gruppe "Bakunin"

Elster, Leher Bürgerwehr (Klarname Jörn Waage)




1. Kapitel

Es war lange nichts passiert im Leben des Kommissar Charly Kammeier. Die Tage und Wochen waren dahin geflogen und Maria und er hatten gelebt. Es war Winter, ein Winter von dem man nicht wusste, ob er ein wirklicher kalter Winter war. An diesem Tag hatte die Sonne wie selten geschienen, so machtvoll und blendend, aber sie hatte Kammeier nicht in seinem Innersten erreicht. Die Aufregung der vergangenen Woche im Stadthaus hatte ihn erschöpft und lustlos gemacht. Kriminaldirektor van Heukelum plante Umstrukurierungen im Bereich der Kriminalpolizei und Charly Kammeier und seine junge Kollegin Simone Schwarzkopf waren davon betroffen. Der Kriminaldirektor hatte neue Leute eingestellt und um diese einzuarbeiten, wollte er das Team Kammeier und Schwarzkopf trennen und verteilen.
Kammeier sollte zukünftig mit zwei anderen Kollegen zusammenarbeiten, die er gerne mochte und mit denen er keine Probleme hatte, ihn aber traf diese Veränderung im Mark. Er hatte schlaflose Nächte gehabt und auch Simone war mit dieser Entscheidung unglücklich.
Kammeier arbeitete nun seit drei Jahren mit Simone zusammen und in dieser Zeit war sie ihm wichtig geworden. Das hatte weniger mit ihren schönen langen Beinen und ihrem Charme zu tun, als mit der Tatsache, dass sie im Kommissariat der einzige Mensch war, mit dem er offen und ehrlich reden konnte. Er konnte mit ihr über seine Ängste und seine Hilflosigkeit sprechen und sie war es auch, die ihn tröstete und wieder herunter holte.
Er hatte Vertrauen zu Simone und sie war ihm sympathisch.
Simone wollte auch nicht versetzt werden, und sie war schon am Vortag bei van Heukelum gewesen, um ihm zu sagen: mit dieser neuen Vertretung gehts mir nicht gut. Van Heukelum mochte Simone und war für weibliche Schwächen sehr empfänglich. Er versprach ein Gespräch am Dienstag.
Es war Samstag Abend und der Kalender von Kammeier zeigte den 16. Januar an.
Er saß Zuhause an seinem Computer. Maria hatte sich im Wohnzimmer eine der drei neuen Jazz-CDs aufgelegt, die sie sich von JPC aus Oldenburg mitgebracht hatten: Herbie Hancock "River".
Plötzlich musste er lachen, weil sie auf dem Weg von Fischtown nach Oldenburg die CD von Queen gehört hatten. Und obwohl er sich kraft- und lustlos gefühlt hatte und seine Ruhe wollte, war er bei der Musik von Freddy Mercury und Brian May abgegangen wie eine Rakete.
Maria und er waren erst gegen Mittag mit ihrem neuen silbergrauen 3er BMW nach Oldenburg gefahren. Das Wetter war sonnig und kalt gewesen, aber das Auto fahren hatte Charly Spaß gemacht. Er hatte sich dicht und lustlos gefühlt, aber er hoffte in Oldenburg einen neuen funkgesteuerten Wecker zu finden, während Maria nach einer schönen Obstschale suchte.
Ja, Herbie Hancock, hört sich gut an, dachte Kammeier.
Eine angenehme Barmusik. Jazz, so wie ich ihn mir vorstelle.
Gott, den sechsfachen Mord in der Hafenstraße haben wir immer noch nicht gelöst. Ja, es gibt solche Fälle. Da braucht man viel Geduld.
Es war schon nach halb elf, und Kammeier wunderte sich beim Blick auf die schwarze Wanduhr, dass er noch nicht müde war. In der Zeitung hatte er gelesen, dass das alte Fabrikgelände nun von einem Thomas Hoffmann bebaut werden sollte. Der Mann hatte gute Ideen, die auch von der Stadtteilkonferenz und der Arbeitspartei unterstützt wurden, nur die örtliche Bürgerliche Partei begriff gar nichts.
Die Bürgerliche Partei wünschte sich einen Supermarkt auf dem Sportplatz.
Shit, dachte Kammeier.
Auf der CD waren Aufnahmen mit Nora Jones und Loni Mitchell. Sehr schön und angenehm.
In der Zeitung war auch am diesem Tag nichts Aufregendes zu lesen gewesen, nur das Übliche. Einbruch in einer Tankstelle und auf der Stresemannstraße war ein Rentner überfahren worden.
Das zweite Bier tat seine Wirkung, es war Zeit für Charly Kammeier ins Bett zu gehen.
Es war fünf Minuten vor Elf Uhr. Er nahm einen letzten Schluck aus dem Bierglas.

2. Kapitel
Der Sonntag morgen begann wie viele andere Sonntage ruhig und langsam. Kammeier hatte lange, sehr lange bis 8 Uhr im Bett gelegen und wollte nicht aufstehen. Die Sonne schien gleißend und das Thermometer zeigte -3,5°C an. Er stand auf und ging durch ihre 5-Zimmer-Wohnung an der Allee. Er stellte die Stereo-Anlage an und brühte sich Kaffee auf. Seine Frau Maria schlief noch tief und fest. Er dachte:
Ich bin lange nicht im Kaiserhafen gewesen um den Fortgang der Bauarbeiten an der Kaiserschleuse zu beobachten und zu fotografieren.
Seit Dezember war eine Baugemeinschaft namens ARGE dabei den Umbau und die Erweiterung alter Kaiserschleuse voranzutreiben. Gigantische Baukräne ragten in den Himmel. An den Kränen hingen zum Teil Rammen, die dafür sorgten, dass neue Spundwände gerammt wurden. Die erste Baugrube für ein neues Schleusentor hatte man bereits ausgehoben. Die alte Kaiserschleuse stammte noch aus dem 19. Jahrhundert, war veraltet und reparaturanfällig und viel zu klein geworden. An den Schleusentoren stand noch der Namen der legendären Tecklenborgwerft, die die Tore gebaut hatte. Die alte Kaiserschleuse konnte den gewachsenen Schiffsverkehr an Autofrachtern nicht mehr bewältigen.
Als Charly Kammeier das letzte Mal an der Baustelle Kaiserschleuse gestanden hatte, war er nicht weit gekommen. Bremen-Ports hatte alles weiträumig absperren lassen. Nicht mal einen Blick hatte er mehr auf die Schleuse werfen können. Er hatte geflucht. Und auch von Norden her hatte er kaum etwas sehen können. Es gab zum Columbus-Bahnhof nur noch einen Zugang über die grüne Europabrücke, und auch die war schon uralt.
Kammeier bog seine Schultern gerade und spürte, dass er an diesem Sonntag etwas für seinen Rücken tun mußte. Zeit für das Fitness-Studio. Er dachte kurz an seine Arbeit:
Den Mord an dem alten Mann in der Wurster Straße haben wir auch noch nicht ganz aufgeklärt, aber da sind andere Kollegen dran und das ist gut so.
Vielleicht hätten wir gestern Zuhause bleiben sollen und nicht nach Oldenburg fahren, dann hätte ich mich besser ausruhen können, dachte er.
Aber ich bin froh, dass ich endlich ein Paar neue feste Schuhe gefunden habe. Ob sie mir wirklich passen wird sich zeigen. Es wird Zeit, ich muss Maria wecken.
Sein Blick fiel auf den Spiegel-Artikel vom Januar mit der Überschrift "Dubei an der Nordsee". Ein Herr Fröhlingsdorf hatte sich sehr kritisch über die Entwicklung von Fischtown geäußert. Er hatte den Bau des Sail City Hotels, des Klimahauses und den Bau des Mediterraneums als Chance für Fischtown bezeichnet. Schmuckstücke inmitten einer grauen Stadtwüste. Im Kern hatte der Spiegel nachgefragt, ob solche Investitionen auf Dauer aus dem Öffentlichen Haushalt finanziert werden sollten und konnten. Ob nicht irgendwann das Kartenhaus zusammenbrach angesichts der Tatsache, dass Fischtown eine Haushaltsnotlage hatte. Fischtown, das Armenhaus der Republik.
Charly Kammeier sah die wirtschaftliche Entwicklung von Fischtown positiv. Es gab einen Aufschwung, auch wenn dieser sich eher im Bereich höher qualifizierter Arbeitsplätze abspielte. Und ob viele Fischtowner in der neu entstandenen Windenergie-Branche Arbeit fanden?
Kammeier sinnierte vor sich hin:
Das hier war immer schon eine arme Hafenstadt, eine Arbeiterstadt, gewesen. Ich brauche nur nach Lehe, Leherheide oder Grünhöfe fahren, dann weiß ich was los ist. Leerstände in der Bürger, in der Hafenstraße und der Georgstraße, dass sind Alarmsignale.
Ob die Schönen Neuen Welten am Neuen Hafen das Hauptproblems Fischtown lösen konnten, hatte er immer bezweifelt. Fischtown brauchte tausende von Arbeitsplätzen für einfache Arbeiter und Angestellte. Ich war ein Kritiker der schönen Neuen Welt von Anfang an, noch als sie Ocean-Park hieß. Trotzdem hat der Spiegel daneben gehauen. Aber der Artikel kann für uns ein Anreiz zum Nachdenken und Überprüfen sein.
Als Kommissar Kammeier aus dem Fenster sah, beobachtete er gegenüber vor dem Haus einen toten Schäferhund liegen. Seltsam, dachte er, hat es Anja nun doch erwischt?
Als sie in ihrem Esszimmer beim Frühstück saßen, meinte Maria zu ihm:
"Ich muss so oft an Sylt denken. Ich freue mich auf eine Woche Urlaub in Keitum in dieser kleinen Pension mit dem Reetdach. Das wird bestimmt schön. Wir können wieder endlose Spaziergänge am Wasser und sonstwo machen. Lange schlafen, uns gehen lassen. Ich hoffe nur, dass das Wetter mitspielt."
Charly Kammeier grinste und meinte:
"Das ist meine Hoffnung am Horizont, die mich hoch hält. Nach diesem Winter mit grauen und regnerischen Wochen und Monaten, fühle ich mich erschöpft. Die Arbeit hat mich ausgelaugt. Die Wochenenden reichen nicht um mich zu regenerieren. Ja, ja ich werde älter, der Akku ist leer."
Zu Mittag wollten sie nach Shannon fahren um beim Schwager Mittag zu essen. Nach dem Frühstück rief Maria ihren Mann und sagte zu ihm:
"In diesem Prospekt von Villeroy &Boch habe ich schönes Geschirr für uns gefunden. Ich mag dieses weiße Service hier. Das würde sich gut auf unserem großen, hölzernen Esszimmertisch machen."
Kammeier beugte sich zu seiner Frau und schaute auf das farbige Prospekt. Das schlichte weiße Geschirr hatten sie schon in Oldenburg in dem kleinen Laden in der Fußgängerzone gesehen.
Es hat etwas, dachte er und sagte:
"Es könnte mir gefallen."
Dann ging er ins Badezimmer und stellte sich unter die Dusche, die immer so lange brauchte bis sie warm wurde.
Ich muss den Hausmeister anrufen.
Nach dem Duschen, zog sich Charly an, und begann damit Küche und Wohnzimmer zu moppen. Er hielt einen Augenblick inne, sah aus dem Fenster und beobachtete wie gegenüber zwei Krankenwagen standen und etwas abseits ein Polizeiwagen.
Vielleicht ist es die ältere Frau des Lloydarbeiters aus dem 1. Stock gegenüber? Oder hat sich das Ehepaar des Werderfans aus dem 2. Stock in die Haare bekommen? Vielleicht hat er sie geschlagen?
Der kräftige Mann im mittleren Alter schräg gegenüber, der bei der BLG arbeitete, hatte inzwischen seine tote Anja herein geholt. Zuletzt hatte die Hündin schweres Rheuma in den Läufen und musste von ihm in den Passat getragen werden.

An diesem ruhigen Sonntag blies ein eiskalter Wind aus Norden. Mittags aßen sie in Shannon zusammen mit Ranna, Mia, Hensche, Rollo sowie Tenner und seiner Freundin zusammen an einem langen Tisch im Esszimmer. Wie jeden Sonntag gab es Rindfleisch, Schweinefleisch, Kartoffeln, Nudeln, und Karotten sowie Erbsen-Allerlei aus der Gefriertruhe. Charly Kammeier beoachtete, dass es seiner Schwiegermutter Mia nicht gut ging. Sie sah grau und eingefallen aus, und ging unsicher. Sie sagte kaum etwas, machte wieder diesen verwirrten Eindruck und saß dauernd auf der Toilette.
Nach einem halbstündigen Mittagsschlaf nahm er seine Karbonstöcke und machte sich zu Fuß auf in den Wald. Nordic Walking. Unterwegs lachte ihn ein junger Mann an. Er schritt kräftig aus und nach einer Weile ließen die Gedanken nach und er konnte die Natur genießen. Es war schön. Linker Hand ließ er eine Rinderweide liegen. Er atmete kalte Luft ein. Nordwind.
Erschrocken sah er plötzlich am Wegesrand zu seiner Rechten eine Männerleiche liegen.
Er spürte Angst und sah sich um und dachte:
Hier ist doch jemand? Was macht die Leiche hier?
Als er seinen Kopf wieder zurück drehte, war die Leiche verschwunden.
Habe ich Paranoia? Vielleicht geht meine Fantasie mit mir durch.
Eine junge Frau Mitte Zwanzig kam ihm mit ihrem Jack-Russel-Terrier entgegen. Sie grüßte freundlich. Er war nun fast am Ende des Waldes angekommen. Ein alter Baumstumpf erinnerte ihn an seinen vor kurzem verstorbenen Vater.
Er wanderte weiter den Waldweg hoch, atmete die kalte Luft ein und lauschte den Geräuschen des Waldes. Links knackte ein Zweig. Er fuhr herum. Aber da war nichts zu sehen. Kammeiers Handy klingelte "Unbekannter Teilnehmer".
Er drückte auf die rote Taste und nahm an.
"Kammeier", meldete er sich.
"Hallo?" aber das war nichts. Da war niemand in der Leitung. Er bildete sich ein Geräusche zu hören, vielleicht das Atmen eines Menschen, vielleicht auch nicht.
"Hallo?" fragte er noch einmal und legte dann wütend auf.
Charly Kammeier haute seine Stöcke hart in den Waldboden und ging weiter. Es war kalt. Endlich kam der freie Weg in den Blick. Der Wald war vorbei und er konnte nun links und rechts Äcker sehen. Es lief sich gut hier draußen. Kräftig haute er in die Stöcke und begann zu schwitzen. Vor ihm lief ein alter Mann zu Fuß auf dem Weg.
Plötzlich kam ein gigantischer Traktor entgegen, und der Fahrer schien nichts bemerken zu wollen. Der Trekker fuhr direkt auf den Rentner zu. Nur durch einen Sprung in den Graben konnte sich der alte Mann retten.
Was ist das heute für ein Tag? fragte er sich.

3. Kapitel
An diesem Samstag schien die Sonne hell und freundlich und Lance Meyer freute sich über das schöne Wetter. Die Woche war anstrengend gewesen. Seine Arbeit als Buchhalter in der Firma gefiel ihm. Auf dem Weg zum Frisör kam ihm ein alter Mann entgegen und Lance dachte:
Es wird immer mehr mit den alten Leuten. Überall sieht man sie. Sie kosten viel Geld und sind kaum noch zu etwas nütze. Sie hängen dauernd beim Arzt herum, und kosten die Krankenkasse Milliarden. Gut, sie haben früher Deutschland aufgebaut, aber es nervt, wenn ich abends von der Arbeit komme, und so einer steht vor mir beim Schlachter an der Theke. Der hat doch den ganzen Tag Zeit einzukaufen.
Und wie mancher von denen Auto fährt. Ich würde da rigoros aufräumen. Warum braucht so ein tüteliger Rentner noch einen Führerschein?
Der alte Mann kam ihm entgegen. Er kannte den Mann, der an zwei Krücken ging. Der Buchhalter bewunderte den alten Mann für seinen eisernen Willen. Manchmal hatte er den Alten auch schon auf dem Rad gesehen. Laut sagte der Buchhalter:
"Alle Achtung, sie sind aber eisern mit dem Laufen."
Der alte Mann lachte freundlich und ging weiter.
Der Buchhalter beobachtete mit Freude, dass am Rathaus die Hecke grün wurde. Hier und dort begannen die Krokusse zu blühen. Auf dem Weg zu seiner Frisösin dachte er nach.
Deutschland ist überaltert, auch in Fischtown merkt man das jeden Tag. Diese Stadt hat zu viele Alte und Behinderte. Das kostet viel Geld. Aber keine Einnahmen. Manchmal beneide ich die Alten, die noch gute Renten bekommen, solange das gut geht. Ich bin sogar manchmal überrascht was sich so mancher Rentner leisten kann. Damals habe ich in Cuxhaven dieses Ehepaar im Fischrestaurant getroffen, die seit Monaten mit ihrem Wohnmobil unterwegs waren. Und ich fragte mich, wovon bezahlen die das? Sie sahen aus, als wenn es ihnen finanziell gut ging. Und sie waren angenehm und nett.
Auch im Bus nach Paris saßen ja fast nur Rentner. Die vor mir waren vorher in Norwegen gewesen. Jetzt waren sie sechs Tage mit dem Bus unterwegs nach Paris. Danach wollte sie nach Hause, frische Sachen packen und weiter nach Italien. Ihn fand ich wirklich nett. Gut der viele rote Schnaps musste nicht sein, aber er erzählte, dass die beiden ein Haus haben und einen Wohnwagen.
Und der Buchhalter dachte weiter:
Die beiden Alten vor mir im Bus waren nett, genauso wie ihre Keglergruppe aus Münster.
Er war sicherlich im gewerblichen Bereich tätig gewesen, vielleicht als Meister. Aber woher das viele Geld?
Zuhause hatte der Buchhalter die Zeitung gelesen. Er musste daran denken, dass am Vortag bei SSW ein Containerschiff vom Stapel gelaufen war. Er dachte:
Früher hätte mich das vom Sockel gehauen, aber heute gibt es ja kaum noch Werften hier. Von der Lloydwerft hört man hin und wieder mal etwas, aber ob es der gut oder schlecht geht, weiß keiner. Und die SSW dümpelt seit Jahren vor sich hin. Hier eine Sektion, dort ein halber Containerfrachter, und die Werftleitung erzählt uns dauernd, wie gut es der SSW geht.
Ich dachte schon vor Jahren, sie hätten die Werft dicht machen sollen. Alte Docks, alte Helgen, keine ordentlichen Aufträge.
Wenn die Lloydwerft im Kaiserhafen ein neues Trockendock bekäme, ja das wäre etwas.
Lance Meyer stieg in seinen Geländewagen ein und fuhr los. Der 6-Zylinder-Motor und die gewaltige Frontpartie gaben ihm ein Gefühl von Macht. Vor ihm fuhr auf der Stresemannstraße ein alter Golf mit 50 Km/h. In dem alten Golf 1 saß ein älterer Herr, der es offensichtlich nicht eilig hatte.
Meyer dachte: Mensch Alter, Dich würde ich am liebsten aus dem Auto holen und Dir Deinen Lappen abnehmen, Du bist doch echt überfordert.
Rechter Hand blickte er auf die Geeste und die schlammigen Ufer. Aus seiner Erinnerung tauchte die Geeste Metallbau auf.
Der rote Golf I bog nun nach rechts in Richtung Autobahnzubringer und Lloydstraße ab.
Der Buchhalter blickte auf den Tacho: 45Km/h.
Absichtlich fuhr er dicht auf und begann zu drängeln.
In seiner Fantasie fuhr Meyer das linke Seitenfenster herunter und brachte ein Blaulicht auf dem Dach seines Geländewagens an. Mit Blaulicht überholte Meyer nun riskant den alten Golf 1, stoppte ihn und sagte zu dem alten Mann:
"Polizei! Sie haben den Verkehr aufgehalten. Sie sind ein Verkehrshindernis. Fahrzeugschein und Führerschein, aber Dalli."
Der Fahrer des Golf 1, ein Mann um die 80 Jahre blickte den Buchhalter hilflos an. Noch ehe der alte Mann etwas unternommen konnte, hatte der Buchhalter in seiner Fantasie seine Pistole herausgeholt und durch geladen.
Der Buchhalter sah die vielen Autos vorbei fahren.
Zweimal drückte er in seiner Fantasie ab.
Der alte Mann sackte tot zusammen.
Der Buchhalter fuhr weiter und dachte: auf deutschen Straßen gibt es 20 Millionen Autos zuviel. Zeit, dass hier mal jemand aufräumt, Führerscheine einzieht und die jungen Drängler und die alten Tadderkreise aus dem Verkehr zieht.

4. Kapitel
In den darauf folgenden Wochen las Kammeiers Frau immer wieder in den "Fischtown News" von überfahrenen Rentnern, von verunglückten Rentnern, von Suiziden. Maria Kammeier wunderte sich. Als sie ihrem Mann darauf ansprach, meinte Charly zynisch:
"Da wird die Rentenversicherung hinterstecken. Die Rentenkassen sind leer. Die können nicht mehr zahlen. Denen bleibt nichts anderes übrig, als jedem einen Bonus von 200 € zu zahlen, der einen Rentner erledigt."
Kammeier hatte dabei merkwürdig gruselig gelacht.
Als sie am Samstag nachmittag bei strahlendem Sonnenschein im Wohnzimmer mit James R. Boogel zusammen saßen, meinte Riven die Zeitung lesend:
"Da braut sich ja richtig was zusammen in der Stadt. Ich meine politisch. Die Leute regen sich darüber auf, dass Stadtrat Handschug wieder ein paar Hallen hat abreißen lassen. Er hat bereits die ersten Morddrohungen bekommen, schreibt die Zeitung. Die Arbeiterpartei konnte sich nicht durchringen zu sagen: wir wollen hier keinen Supermarkt in Lehe. Statt sich für die Ansiedlung der Industriebrache an der Geeste auszusprechen, wollen sie nun ein Gutachten. Sie wollen die Koalition mit der Bürgerlichen Partei nicht gefährden.
Die Bürgerliche Partei ist für die Ansiedlung des Supermarkt, sonst lassen sie die Koalition platzen."
Charly Kammeier sagte leise:
"Wir haben Informationen, dass sich in Lehe wieder eine Bürgerwehr gebildet hat, die es sich zum Ziel gesetzt hat, notfalls auch mit Waffengewalt die Bebauung des alten Fabrikgeländes an der Geeste durchzusetzen. Es gibt schon Morddrohungen gegen den Amtmann, den zuständigen Stadtrat, den Vorsitzenden der Arbeiterpartei.
Das schlimme ist: die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter ihnen.
Für morgen ist eine Demonstration angekündigt. Man rechnet auch mit gewaltsamen Ausschreitungen."
James R. Boogel lehnte sich in seinem Stuhl und antwortete:
"Ich kann die Leute verstehen. Die fühlen sich von der Politik verarscht. Die da oben machen doch was sie wollen. Die glauben, sie können mit uns machen was sie wollen. Manchmal möchte ich einfach nur mit einer Maschinenpistole reinhalten."
"Nun reiß Dich mal zusammen", meinte Charly zu seinem Freund Riven und lächelte.

Am 10. März trat die Eisenbahnergewerkschaft in einen unbefristeten Streik. Verdi rief zu Streiks im Nahverkehr auf, so dass die halbe Republik lahmgelegt war.
An diesem Montag morgen herrschte in Fischtown dicker Nebel. Gegen 7 Uhr kam es auf der Kreuzung Cherbourger Straße und Langener Landstraße zu einem schweren Unfall, der die Kreuzung längere Zeit völlig lahm legte. Die Container-LKW stauten sich bis zur Autobahn-Abfahrt und auf der anderen Seite bis weit in den Kaiserhafen hinein.
Anwohner beschwerten sich bei der Polizei.
LKW-Fahrer stiegen aus ihren Trucks und berieten was zu tun sei. Es kam zu hitzigen Debatten. Einer Großer mit einem Vollbart meinte:
"Das geht jetzt schon seit Monaten und Jahren hier so mit diesen Staus. Ich habe es satt. Man sollte denen oben mal Feuer machen. Jedes Mal, wenn ich in Fischtown meine Container in den Hafen bringen will, stehe ich hier an der Cherbourger Straße im Stau und am CT habe ich lange Wartezeiten.
Gegen 7.30 Uhr hatten sich mehrere hundert LKW-Fahrer auf der Kreuzung versammelt, bewaffnet mit Eisenstangen, Baseballschlägern, Pistolen, Holzlatten und einer Menge Wut im Bauch. 5 Minuten später ging eine Bank in Flammen auf. Parkende Autos brannten.

Am gleichen Morgen fand vor dem Stadthaus eine friedliche Demonstration von mehreren hundert Menschen statt, die gegen die Ansiedlung eines Supermarktes demonstrierten und verlangten, dass man ihrem Wunsch folgen sollte, auf einem ehemaligen Fabrikgelände eine Markthalle zu bauen, und an der Geeste Wohnbebauung zu genehmigen. Es hatte dazu in der Stadtteilkonferenz gute Vorschläge eines Architekten namens Haffner gegeben.
Kommissar Kammeier beobachtete die Versammlung mit Wohlwollen aus seinem Fenster im Stadthaus. Er registrierte aber auch, dass unter den Demonstranten etwas 40 Personen waren, die sich vermummt hatten.
Der Sprecher der Demonstranten und der Stadtteilkonferenz erklärte über Megaphon:
"Wir sind hier zum friedlichen Protest versammelt. Wir Leher fordern ein klares Bekenntnis von unserer Stadtregierung zur Bebauung des Fabrik-Geländes an der Geeste. Nein, zum Supermarkt auf dem Amerikanischen Gelände. 90% der Fischtowner wünschen sich, dass die Industriebrache sinnvoll genutzt wird. Der Vorschlag des Architekten ist gut. Die Bürgerliche Partei muss sich bewegen."
Charly Kammeier hatte das Zimmerfenster geöffnet, um besser hören zu können. Neben ihn war Bernhard Brinkmann von der Politischen Polizei getreten. Brinkmann sagte leise:
"Der schwarze Block da drüben, das soll die Leher Bürgerwehr sein. Nach unseren Informationen sind die bewaffnet."
Der Amtmann trat nun an das Fenster seines Büros, öffnete das Fenster und sprach zu den Demonstranten per Megaphon. Er sprach davon, dass er das Anliegen der Leher verstehen könne. Er selbst sei auch für die Bebauung des Fabrik-Geländes, aber er habe das nicht alleine zu entscheiden. Um der Bürgerlichen Partei entgegen zu kommen, habe man vorgeschlagen, ein Gutachten in Auftrag zu geben, dass klären solle, wie viel Einzelhandel und Supermarkt dieser Stadtteil Lehe noch brauche und verkraften könne.
Der Bürgermeister versprach sich für das Anliegen der Demonstranten einzusetzen.
An den Rändern der Versammlung zogen jetzt Polizisten in Kampfanzügen auf. In nur wenigen Minuten war die ganze Demonstration umstellt. Die Polizisten hatten schussichere Westen an, Beinschützer und Schutzschilder in den Händen.
Charly Kammeier beoachtete den Aufzug der Bereitschaftspolizei mit Sorge. Man hatte die etwa fünfhundert Menschen nun völlig eingekesselt.
Kamnmeier begann zu schwitzen und bekam schlecht Luft.
Er schaltete den Polizeifunk an und erfuhr schlagartig von den gewaltsamen Auseinandersetzungen an der Cherbourger Straße.
Ja, dachte er, dass kommt davon wenn Politik schläft. Sie hätten schon vor Jahren die Cherbourger Straße ausbauen bzw einen Tunnel bauen müssen. Nun läuft das Fass über.
Fischtown mit seinem gigantischen Containerterminal verliert an Tempo, an Ansehen. Wer will hier denn noch Container herbringen bei den Wartezeiten?
Und die Politik schaut dem Volk nicht aufs Maul. Das sieht man da unten. Warum lässt die Poilitik nicht einfach das Supermarkt-Projekt fallen und lässt das Fabrik-Gelände bebauen. Es könnte alles so einfach so.
Es war 7.40 Uhr, als sich aus dem schwarzen Block mehrere Schüsse lösten.
Jemand schoss mit einer automatischen Waffe auf das Büro des Amtmannes.
Tack, Tack, Tack. Tack, Tack, Tack.

Über den Polizeifunk hörte Kommmissar folgende Nachricht:
"Hier Roland 12 an Zentrale. Wir stehen hier vor der ARGE mit Polizeiwagen. Hier hat sich eine Menge von Arbeitslosen seit kurz vor 8 Uhr versammelt. Die Leute sind aggressiv. Ich schätze, es sind vielleicht 200 Leute. Wir haben versucht mit den Leuten zu reden. Einer sagte zu mir:
"Wissen Sie was? Die verarschen uns doch nur. Die Mitarbeiter von der Arge sitzen auf dem hohen Stuhl. Die kann man telefonisch nicht erreichen. Wenn man da hinschreibt, verschwinden die Schreiben irgendwo. Wir sind völlig machtlos. Seit dem es Hartz IV gibt, ist es noch schlimmer geworden. Weniger Geld und das Gefühl, der letzte Dreck zu sein.
Sie haben das Arbeitslosengeld gekürzt. Aber die kümmern sich nicht um uns.
Wenn ich etwas von meinem Arbeitsvermittler will, kann ich ihn nicht anrufen. Die machen uns völlig machtlos. Eine Bombe sollte man da rein schmeißen."
Charly Kammeier dachte:
Mich wundert das gar nicht. Habe irgendwie immer die Fantasie gehabt, dass da mal einer eine Bombe in die ARGE schmeißt, so arrogant wie die sich aufführen. Seitdem es ALG II gibt, habe ich das Gefühl, dass die Verelendung in Leherheide und Lehe zunimmt. Mich würde nicht wundern, wenn da mal einer Amok läuft.
Wenn die Menschen immer weniger zu beißen haben, können sie irgendwann kriminell werden.
In diesem Augenblick hörte man eine gewaltige Detonation aus dem Polizeifunk. Kammeier wie der Kollege von Roland 12 schrie:
"Da hat wirklich einer eine Bombe geschmissen."
Charly Kammeier wachte wie aus einem Alptraum auf, trat an das Fenster und sah den Kollegen Brinkmann an. Bernhard Brinkmann wirkte erheblich angespannt, als er sagte:
"Das ist alles kein Zufall. Wir haben Hinweise darauf, dass diese Bürgerwehr Lehe von Anarchisten unterwandert ist. Und ich weiß, dass es auch unter den Arbeitslosen sowohl Mitglieder der illegalen Kommunistischen Partei als auch Linksradikale mit anarchistischem Hintergrund gibt. Naja, und die Truckerfahrer sind ohnehin dafür bekannt, dass sie schnell aus der Haut fahren. Aber vielleicht ist die Sache auch von den Roten organisiert, man weiß es nicht."
Charly Kammeier atmete tief durch.
Es reichte für diesen Tag, dabei war es gerade 9 Uhr. Er ging zur Kaffeemaschine um diese anzuschmeißen. Die Tür ging auf und seine Kollegin Simone Schwarzkopf kam herein. Sie lächelte.
Im Stadtpark blühten die ersten Forsythien, die Weiden begannen zu knospen und überall fingen die Sträucher an zu grünen. Der Frühling war innerhalb weniger Tage ausgebrochen.

 

5. Kapitel

Eigentlich war der Kommissar nur für Morde zuständig und das sollte auch so bleiben.

Nachdenklich saß er in der Milchbar und dachte nach.

Die Ereignisse der letztenWochen gefielen ihm nicht.

Seine Frau hatte schon vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht.

Es kamen in dieser Stadt auffällig viele Rentner ums Leben. Sein Nachbar meinte manchmal zynisch, die Rentenversicherung müsse sich doch freuen und er verstehe gar nicht, wo das Problem bestehe. Die seien doch übrig. Ein Bonus von 200 € für jeden toten Rentner wäre eine lohnende Sache.

Wie gesagt, es waren in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Rentnern in dieser Stadt auf merkwürdige Weise gestorben. Wer dahinter steckte, wusste man nicht.

Dazu kam der gewaltsame Protest der Trucker am Autobahnzubringer wegen der langen Wartezeiten, zeitgleich aber auch der gewaltsame Protest vor dem Stadthaus mit den Schüssen auf den Amtmann, und alles nur wegen dieser Industriebrache. War das nicht übertrieben? Gut, die Bürger waren sauer. Aber gleich Schüsse? Oder war das ein Mordversuch gewesen? Der Kollege vom Politischen Dezernat hatte gemeint, die Bürgerwehr stecke dahinter. Gut möglich.

Der gewaltsame Aufstand der Arbeitslosen war fast vorher zu sehen gewesen.

Für alle diese Menschen hatte der Kommissar Verständnis.

Wenn dabei allerdings Menschen umgebracht wurden, war er gefragt und musste ermitteln.

Auffällig war für den Kommissar nur, dass die Stimmung schlechter wurde in der Stadt.

Die Stimmung wurde negativer. Die ganze Entwicklung machte Kommissar Charly Kammeier Angst. Er war am Morgen zu seinem Vorgesetzten, Kriminaldirektor van Heukelum, gerufen worden, und der hatte ihm die Sorgen des Magistrats mitgeteilt. Von oberer Stelle machte man sich Sorgen wegen der vielen Rentnertoten, aber auch die Schüsse auf den Amtmann hatte Sorge und Angst ausgelöst. Während sich Kammeier zurücklehnte fiel ihm wieder ein was van Heukelum gesagt hatte:

"Kammeier, ich weiß, dass der Aufstand der Trucker auf politische Versäumnisse der Stadtregierung zurück geht. Und ich weiß, dass Fehlentscheidungen der Führungen dazu geführt haben, dass die Menschen in Lehe nun stinksauer sind und fordern, dass die Industriebrache bebaut wird. Richtig.

Wenn es allerdings bei diesen politischen Auseinandersetzungen zu Strafdelikten wie Morden kommt, sind wir gefragt."

Während Kammeier aus dem Fenster der Milchbar auf das Schillerhaus und den davor stehenden Stier blickte, betrat eine junge Frau das Lokal. Sie war schlank und um die 30 Jahre alt. Sie ging auf ihn zu und Kammeier dachte: was hat sie bloß für eine atemberaubende Figur. Sie bewegte ihre Hüfte, dass er einen Blutstau bekam und sie lächelte, dass er glaubte, im Himmel zu sein. Mit einem charmanten Lächeln betrachtete er ihre wunderschönen Beine. Als sie kurz vor ihm stand, erkannte er sie und sagte:
"Hallo Simone, komm setz Dich zu mir."
Simone Schwarzkopf war sich der Wirkung, die sie auf ihren Chef hatte, sehr wohl bewußt und sie genoss es. Nachdem sie sich gesetzt hatte, blickte sie ihn mit ihrer natürlichen Art an. Es war, als hätte sie seine Gedanken geraten als sie sagte:
"Hinter diesen Rentnermorden steckt Methode und ein Täter. Und diese Anschläge werden meiner Meinung nach von der kommunistisch unterwanderten Bürgerwehr organisiert. Das sind meine Thesen."
Charly Kammeier betrachtete ihr schönes Gesicht, dass kaum Falten hatte. Und wurde dann dienstlich:
"Du bist die erste, die von Rentermorden spricht. Bisher haben wir dafür keine Beweise. Was die Bürgewehr betrifft, gehe ich davon aus, dass sie nur etwas mit der Bebauung der Industriebrache zu tun haben."
Simone Schwarzkopf war dafür bekannt, dass sie eine sehr gute Nase hatte und hellseherische Fähigkeiten. Während sie ihren schwarzen Kaffee schlürfte, fragte sie:
"Was hat der Chef denn heute Morgen gesagt?"
Kammeier holte tief Luft und antwortete:
"Wegen der Bombenexplosion bei der Arge ermittelt das LKA. Die Brandstiftungen an der Cherbourger Straße gehören auch nicht in unser Kommissariat. Aber wegen der Schüsse auf den Bürgermeister sollen wir wegen versuchten Mordes ermitteln. Das ist unser Auftrag. Nach den Schüssen ist versucht worden aus der Menge Tatverdächtige festzunehmen. Das hat allerdings nicht geklappt. Einige Vermummte hatte man festgenommen, die gehören zwar zur Bürgerwehr, aber man konnte ihnen nichts nachweisen.
Wir stehen noch ganz am Anfang."
Simone Schwarzkopf sah aus dem Fenster. Das Wetter draußen sah gruselig aus. Es war kalt, regnerisch und windig. Für Ostern hatten die Experten Unwetter angesagt. Gegenüber stand immer noch die Plastik, die einen Stier darstellte.
Sie sah Charly Kammeier mit ihren schönen blauen Augen an und meinte:
"Und den Rentnerkiller lassen wir weiter morden?"
Charly Kammeier verspürte ein unangenehmes Gefühl, so als hätte ihn jemand versucht, in eine Ecke zu stellen, in die er nicht gehörte. Laut sagte er und dabei atmete er aufgeregt:
"Was heißt hier Killer? Hast Du irgendeinen Beweis dafür, dass der Typ mit dem Geländewagen den alten Mann im Golf I auf dem Autobahnzubringer erschossen hat? Wir können nur beweisen, dass er von hinten gedrängelt hat. Dann ist er weiter gefahren und etwas später hat man den alten Mann erschossen in seinem Golf gefunden."


Nach dem sie im Cafe zusammen gesessen hatten, fuhr der Kommissar wieder mit ihr ins Büro. Er fragte sich, ob seine Kollegin Recht hatte. Waren die Rentnerunfälle der letzten Wochen doch Morde? Simone hatte nicht Recht. Der alte Mann, der an der Autobahnzufahrt ums Leben gekommen war, wurde nicht erschossen, er war bei der Verfolgungsjagd einen Herztod gestorben. Wie kam sie darauf, dass Mord im Spiel war?

 

6. Kapitel

Ein in schwarz gekleideter mittelgroßer Mann schritt durch die Dunkelheit. Er bog in einen Hinterhof ein, sah sich vorsichtig um, ob er verfolgt wurde und betrat dann ein altes Haus. Durch einen Gang fand er schnell die Tür in den Keller. Vorsichtig stieg er in das Kellergewölbe hinab und stieß bald auf einen Raum, in dem sechs Personen saßen und warteten.

"Hallo", grüßten ihn die Anwesenden.

"Hallo", meinte der schwarz Gekleidete und setzte sich. Er sah sich in der Runde um, ob alles in Ordnung war. Ja, er kannte alle Versammelten. Lance Meyer spürte Angst. Seine Atmung ging nicht normal. Alle hier in der Runde kannten ihn nur unter seinem Aliasnamen Schwarzer. Lance Meyer kannte die versammelten Mitglieder der Bürgerwehr schon eine ganze Weile. Links neben ihm saß ein etwa dreißigjähriger Mann, den sie Chick nannten. Chick gehörte zur militärischen Untergrundorganisation der verbotenen Kommunistischen Partei. Chick wusste mit Waffen umzugehen und böse Zungen sagten ihm Kontakte zum Verfassungsschutz nach. Lance Meyer glaubte daran nicht.

Chick lächelte Lance Meyer freundlich an und meinte:

"Na, wie fandest Du unsere Aktion vor dem Stadthaus? Dafür, dass sie nicht geplant war, haben wir dem Amtmann doch einen ordentlichen Schrecken eingejagt."

Lance Meyer alias Schwarzer blickte Chick an und meinte dann:

"So hatten wir das nicht abgesprochen. Zusammen mit der Stadtteilkonferenz und den anderen beteiligten Parteien und Initiativen wollen wir friedlich dafür kämpfen, dass auf dem ehemaligen Fabrikgelände eine Markthalle oder ein Frischemarkt entsteht. Wir unterstützen die Vorschläge von diesem Investor nach einer Wohnbebauung. Aber von Gewalt war nicht die Rede."

Eine dicke ältere Frau, die von allen Mama genannt wurde, meldete sich zu Wort:

"Ich möchte, dass unser Stadtteil Lehe wieder schön wird. Die alten verfallenen Häuser müssen renoviert werden. Vor allem in die Hafenstraße muss investiert werden, dass Menschen wieder in ihrem eigenen Stadtteil einkaufen und sich wohlfühlen. Der Leerstand in der Hafenstraße nimmt erschreckende Ausmaße an. Die Stadt Fischtown hat eine Verantwortung dafür, dass Lehe wieder attraktiv gemacht wird z.B. durch die Bebauung des alten Industriegeländes. Eigentlich war mein Traum, dass die alte Fabrik für Kultur umgebaut wird. Ich träumte von einer großen Markthalle mit ausländischen Gemüse- und Obstständen, mit Lokalen und Restaurants und abends Livemusik auf der Bühne. Das würde Touristen anziehen. Und es wäre ein Beitrag zur Integration der Ausländer hier in Lehe.

Wir haben die Mehrheit hinter uns.

Die Stadtteilkonferenz will die Bebauung des Fabrikgeländes an der Geeste nach den Vorschlägen des Investors.

Nur die Bürgerliche Partei blockt alles ab.

Und die Arbeiterpartei kann sich auch nicht entscheiden, dem Bürgerwillen nach zu geben. Wo leben wir eigentlich?

Diese Arroganz der Macht.

Heißt es nicht alle Macht geht vom Volke aus?

Die Parteien wirken an der Meinungsbildung mit.

Aber nicht, dass sie uns auf dem Kopf herumtrampeln und machen was sie wollen. Man könnte draufschlagen und eine Bombe schmeißen vor Wut und Hilflosigkeit."

Mama hatte sich ordentlich aufgeregt und in Rage geredet.

Auf rechten Seite saß ein junger Mann, den sie Wilster nannten. Er hatte kurzgeschorene Haare und gehörte zu der verbotenen anarchistischen Gruppe namens "Bakunin".

Wilster stotterte etwas, als er anfing zu reden und wurde rot im Gesicht:

"Das Volk steht auf, dass haben wir auf dem Platz vor dem Stadthaus gesehen. Wir sind der bewaffnete Arm des Volkes. Und wir werden die Herrschenden das Fürchten lehren. Leider sind die Schüsse auf den Amtmann schief gegangen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir der Stadtregierung eine Lektion erteilen können. Der Bombenangriff auf die Arge war das beste, was wir Anarchisten seit Jahren hier zustande gebracht haben. Wir müssen allerdings aufpassen, das LKA ermittelt schon."

Es herrschte eine eigenartige Stimmung im Kellerraum, die Lance Meyer an eine Versammlung 1968 in Bremen in der Buchtstraße erinnerte, wo sie im Keller zusammen gesessen hatten mit der APO und Aktionen berieten. Aber das hier war nicht 1968, sondern Fischtown im Jahre 2008. Und hier waren Brandstiftung, Mordanschlag und ein Bombenanschlag auf die Arge im Spiel. Lance Meyer war sich durchaus bewusst, was hier lief. Meyer hatte Kontakte in die Parteien hinein und ihm war klar, dass man die Bebauung der Industriebrache nur mit politischem Druck durchsetzten konnte. Gewalt spielte nur den Rechten in die Hand.

Sie brauchten eine breite Mehrheit in dieser Stadt für die Renovierung von Lehe, für die Bebauung der Industriebrache und gegen die Ansiedlung des Supermarktes.

Die Sache war mit den Schüssen auf den Amtmann aus dem Ruder gelaufen, das war ihm klar. Das schadete der Sache. Lance Meyer dachte darüber nach, wie er die Heißsporne von der KPD und den Anarchisten ausbremsen konnte.

Die Bürgerwehr Lehe hatte sich vor Jahren gegründet als Gruppe von Saubermännern, die Türken und andere Ausländer aus dem Stadtteil vertreiben wollten. Damals war auch Jörn Waage dabei gewesen, der Mann, der die beiden jungen Türken umgebracht hatte. Waage hatte gesessen und war wieder da. Dort saß er und nannte sich jetzt Elster. Meyer hatte seine Gedanken kaum zu Ende gedacht, da meldete sich Elster alias Jörn Waage zu Wort. Elster war glatzköpfig, kräftig von Statur und irgendwie hatte Lance Meyer das Gefühl, als ginge von Elster körperliche Agressivität aus. Elster sagte:
"Unser Stadtteil Lehe säuft ab. Viele Häuser sind unbewohnt, die Eigentümer kümmern sich um nichts, sie sitzen irgendwo in Bayern oder in Potsdam. Viele Mieter leben von Sozialhilfe und ALG II. Die kümmern sich auch um nichts. Durch manche Straßen darf man bei Einbruch der Dunkelheit gar nicht gehen, weil man befürchten muss, dass man ausgeraubt oder erschlagen wird. Der Ausländeranteil in Lehe ist hoch. Einige Häuser stehen völlig leer oder sind mit Holzbrettern zugenagelt worden. Lehe ist unattraktiv geworden. In der Hafenstraße gibt es leer stehende Geschäfte und die Leute gehen woanders einkaufen, aber nicht in Lehe.
Lehe ist das Armenhaus von Fischtown. In dieser Situation fand ich es toll, dass Leute vor ein zwei Jahren, die Idee hatten die alte Fabrik zu restaurieren und dort ein Kulturzentrum zu machen, eine Markthalle zu errichten, oder eben später andere Vorschläge mit der Wohnbebauung an der Geeste fand ich auch gut. Selbst über das geplante Museum hätte man reden können. Auf jeden Fall wäre die kulturelle Bebauung der Industriebrache zusammen mit einem Frischemarkt oder einer Markthalle ein echter Gewinn für Lehe.
Die Stadtteilkonferenz hat sich ja dafür ausgesprochen.
Ganz Fischtown ist für die Bebauung des Fabrikgeländes an der Geeste, nur die Bürgerpartei nicht.
Unsere Demonstration vor dem Stadthaus war eine gute Sache, die Schüsse auf den Amtmann fand ich allerdings unverantwortlich und falsch. Das schadet unserer Sache. Da kann die Presse gleich drauf hauen und uns kriminalisieren. Das war echte Scheiße. Jetzt haben wir die Bullen auf dem Hals. Das muss man sich mal reinziehen. Ein paar hergelaufene Anarchisten vermasseln uns die ganze Sache mit ihrer sog. revolutionären Gewalt.
Chick Dich sollte man hier raus schmeißen, Du und Deine Bombenwerfer und ihr habt hier nichts zu suchen."
Es gab Unruhe.
Lance Meyer dachte nach. Er musste geschickt lavieren. Es war gut, wenn alle glaubten, dass der KPD-Mann Kontakte zur Politischen Polizei hatte und es war gar nicht gut, wenn die Anarchisten durch Bombenanschläge das Anliegen die Proteste einiger Leher diskreditierten. So wurde der Bewegung der Schwung genommen. Die Presse brauchte nur noch davon fahren, dass die Fabrik-Bewegung von Illegalen und Anarchisten unterwandert war, die Bomben schmissen, dann waren die Proteste erledigt.
Aber jetzt hieß es diplomatisch sein. Lance Meyer wunderte sich, dass Elster alias Jörn Waage so friedlich geworden war. Nichts mehr mit Ausländerhass und Türken zurück in die Türkei?
Lance Meyer alias Schwarzer sah auf seine Uhr, es war schon fast 21 Uhr.
Es roch hier feucht im Keller.
Laut sagte er:
"Elster Du hast Recht. Wir können keine Gewalt gebrauchen. Davon müssen wir uns distanzieren. Ich denke, wir müssen weiter gute Pressearbeit machen, Versammlungen abhalten und auf die Straße gehen und mit den Menschen reden."
Es trat eine Pause ein. Alle dachte nach.
Lance Meyer sah sich in der Runde um. Die eigentlichen Aktivisten zur Durchsetzung einer Industriebrachen-Bebauung saßen nicht hier, sondern in der Stadtteilkonferenz, im Bürgerverein, bei den Gewerbetreibenden, in den Parteien und bei den Bürgern. Hier saßen Menschen, die ihre Enttäuschung und ihre Wut nicht mehr aushalten konnten, die sich vorgenommen hatten, sich für ihren Stadtteil Lehe einzusetzen, ursprünglich hatte man den Ausländern die Schuld gegeben, jetzt aber richtete sich der Protest, die Wut und der Zorn immer mehr gegen die Herrschenden, die nicht zuhörten. Und dieser ohnmächtige Protest nahm gewaltsame Züge an. Das hatte man vor dem Stadthaus gesehen. Dort war ihnen die Sache entglitten, junge Anarchisten hatten mit Schüssen versucht, das Ruder zu übernehmen.

7. Kapitel

Über Ostern war noch einmal einmal eine Kältewelle über Fischtown herein gebrochen. Es war Karfreitag morgen gegen 10 Uhr als sich Kommissar Kammeier, Simone Schwarzkopf, Berhard Brinkmann vom Politischen Kommissariat und Klaus Engelhardt im Stadthaus trafen, um sich zu beraten.

Charly Kammeier sah auf das Außenthermometer, es waren gerade mal +6°C und ein eisiger Wind blies vor dem Fenster. Kammeier spürte eine gewisse Nervösität in sich. Dann begann er zu sprechen:

"Die politschen Ereignisse haben sich in den letzten Tagen überschlagen. Niemand hätte vor einer Woche jemals auch nur davon geträumt, dass einmal ein einem einzigen Tag in dieser Stadt zeitgleich koordiniert wie ein dreifacher Paukenschlag, eine Bombe vor der Arge hochgeht, auf der Cherbourger Straße hunderte von LKW-Fahrern eine Autokreuzung lahmlegen, Autos anzünden, eine Bank in Flammen aufgeht, während vor dem Stadthaus aus einem friedlichen Protest heraus Schüsse auf den Amtmann abgegeben werden.

Das macht mich auf der einen Seite nachdenklich. Das ich mich frage, wie lange und wie tief die Politik geschlafen hat, dass sie die Unzufriedenheit der Arbeitslosen, der Leher Bürger und der LKW-Fahrer ignoriert hat.

Seit der Einführung von ALG II habe ich die Verelendung der Masse der Arbeitslosen beobachtet. Und ich habe mich manches Mal gefragt, wielange sich die Arbeitslosen wohl noch das arrogante Getue der Arge gefallen lassen. Manches Mal habe ich den Satz gehört: da sollte man eine Bombe reinschmeißen, damit die aufwachen.

Dasgleiche mit dem Autobahnzubringer Cherbouger Straße. Die Herren da oben diskutieren, währenddessen passiert nichts. Die Containerumschlagszahlen boomen, aber wie lange noch, wenn nicht endlich der Autobahnzubringer zum Containerterminal untertunnelt wird.

Endlich, jetzt wird die Königsschleuse umgebaut und erweitert. Viel zu spät.

Wenn wir nicht aufpassen, ist Fischtown bald als Containerterminal out.

Ich verstehe die Proteste der Trucker, auch wenn ich die kriminellen Handlungen verurteile..

Dasgleiche arrogante Verhalten der Politik gegenüber den Anliegen der Leher Bürger. Die wollen keinen Aldi auf dem Fabrikgelände und auch keinen Supermarkt auf dem Sportplatz. Die wollen auf dem Fabrikgelände ein Kulturzentrum, einen Frischemarkt und Wohnbauung.

Die Große Koalition aber mauert. Ignoriert den Bürgerwillen.

Da war der Protest vor dem Stadthaus wichtig und notwendig. Was allerdings diese Leher Bürgerwehr und ihre anarchistischen Unterstützer betrifft, die Schüsse waren kriminell.

Ich frage mich, was für Leute dort in der Bürgerwehr Einfluss haben."

Charly Kammeier spürte wie ein leichter Wind durch das Fenster blies. Er zog sich seinen warmen Pullover über, nahm sich noch einen kräftigen Schluck Kaffee aus seinem Becher. Er blickte zu seiner jungen Kollegen hinüber. Sie sah etwas müde aus, und er fragte sich besorgt, ob sich bei ihr wieder ein Migräneanfall bemerkbar machte.

Berhard Brinkmann übernahm das Wort. Er war ein großer schlanker junger Mann. Kammeier schätzte ihn auf Ende zwanzig. Er sah sportlich aus, hatte kurze Haare und wirkte auf Kammeier wie ein Hans-Dampf-in allen Gassen. Brinkmann hatte seinen Job durch gute Beziehungen bekommen. Er sagte:

"Ich denke, es gibt einen Koalitionsvertrag, in dem sich die beiden großen Parteien verpflichtet haben, einen Supermarkt auf dem Sportplatz anzusiedeln. Daran sollte man sich halten. Das Fabrikgelände kann man ja trotzdem noch besiedeln.

Ich finde, die Arbeitslosen sollten sich auch selbst bemühen Arbeit zu finden. Die Werften suchen händeringend Schiffbauer, Schweißer und andere Handwerker. Die Windkraftbranche schafft hunderte von Arbeitsplätzen, da kann man sich umschulen lassen. Auch im Hafenbereich entstehen Arbeitsplätze. Wenn einer wirklich Arbeit sucht, gibt es jetzt bei dem neuen Aufschwung, den Fischtown macht, neue Chancen.

Mit dem Autobahnzubringer finde ich auch, dass dringend was passieren muss. Aber das gibt doch den Truckern nicht das Recht, eine Bank anzuzünden. Das war einfach nur kriminell.

Aber nach unseren Informationen stecken da auch noch ganz andere Leute hinter, die versuchen auf dieser Protestwelle ihr Süppchen zu kochen.

Wir haben Informationen, dass die verbotene Kommunistische Partei und ihr militärischer Arm ihre Wühlarbeit wieder aufgenommen hat. Der Bombenanschlag auf die Arge dürfte allerdings auf das Konto der Anarchisten-Gruppe "Bakunin" gehen. Auch die Schüsse auf den Amtmann aus dem Schwarzen Block der Leher Bürgerwehr heraus dürften von den Anarchisten organisiert sein.

Wir haben unsere Informanten."

Charly Kammeier dachte bei sich:

Ja, ihr habt Eure Informanten in der Bürgerwehr. Aber ihr werdet die Informationen nicht rausrücken, weil ihr diese nützlichen Idioten noch braucht, um die Bewegung weiter zu diskreditieren.
Simone Schwarzkopf lächelte den Politischen freundlich an und meinte:
"Und Kollege Brinkmann, haben Sie Hinweise für uns, damit wir mit unseren Ermittlungsarbeiten wegen dem Mordversuch weiter kommen? Wer aus dieser Bürgerwehr war es denn nun, der geschossen hat? Oder wer von denen hat schießen lassen?"
Die Kaffeemaschine war an diesem Morgen ungewöhlich laut und der Wind blies energisch durch die Fensterritzen. Simone hatte nicht nur Kopfschmerzen, es ging ihr nicht gut.
Brinkmann antwortete:
"Nun wir haben zwar Informationen, aber ich kann Ihnen keinen Täter liefern. Wenn ich Ihnen Namen nenne, gefährde ich unseren Informanten dort und dann fliegt der Informant auf, und jahrelange Arbeit ist im Dutt. Wir müssen uns noch gedulden."

Kapitel 9
Am Ostersamstag saß der Kommissar mit seiner Frau Maria zusammen beim Frühstück. Maria las in der Zeitung, blickte hoch und sagt zu Charly:
"Hör Dir das mal an. Am Karfreitag ist auf dem ehemaligen Fabrikgelände in der Kalksandsteinfabrik ein Feuer gelegt worden. Sie vermuten Brandstiftung. Die Feuerwehr musste ausrücken. Bei dem Einsatz fand die Polizei und mehrere Obdachlose, die sich dort eingenistet hatten. Und die Polizei fand Hinweise auf Plünderer. Möglicherweise ist das Gebäude einsturzgefährdet."
Kammeier war noch gar nicht wach, trank seinen schwarzen Kaffee und meinte dann plötzlich erwacht:
"Na, da hat ja die Verwaltung ein gefundenes Fressen, warum sie nun die alte Fabrik abreißen muss."
"Das wäre ja die größte Sauerei", schimpfte Maria.
Draußen waren die Temperaturen auf 2°C gesunken. Es herrschte eine graue Wolkendecke in Fischtown.

Einige Tage später stand in den Fischtown News in einer kleinen Notiz, dass die Bauverwaltung sich gezwungen sehe, die alte Fabrik an der Geeste abzureißen.

10. Kapitel

Eiskalter Wind, Nässe und graue Wolkendecke beherrschten Fischtown. Als Lance Meyer aus seinem Mercedes ausstieg und auf das Industriegelände zuging, herrschten Temperaturen um 1°C. Er knüpfte seinen warmen Wollpullover weiter am Kragen zu, weil der Wind durch und durch ging. Er zog seine Lederhandschuhe an.

Aus Parteikreisen hatte er erfahren, dass morgens gegen 7 Uhr der Abrissbagger kommen sollte. Er wollte noch ein paar letzte Fotoaufnahmen von der alten Kalksandsteinfabrik machen, bevor der Bagger an zu knabbern fing.

Meyer betrat das ehemalige Firmengelände von der Hafenstraße her und hatte das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Der Parkplatz war leergefegt. Die Pförtnerloge war unbesetzt. Der Wind spielte um das Bürohaus.

Rechts von der ehemaligen Fabrik stand ein Bagger mit einem langen Ausleger und am Ende einer Vorrichtung wie einer Kneifzange. Neben dem Bagger hatten sich einige Herren eingefunden und Meyer meinte dort den Chef der Abrissfirma, einen Vertreter des Bauamtes sowie Stadtrat Handschug zu entdecken.

Lance Meyer betrat die alte Fabrik durch eine offen stehende Seitentür. Der Geruch von nassem und kaltem Kalk kam ihm entgegen. Es war eine riesige und hohe Halle und am Boden konnte man noch die Spuren der Fundamente der Maschinen sehen.

Lance Meyer hatte das Gefühl, dass er hier nicht alleine war. Irgendwo hatte sich jemand versteckt, oder bildete er sich das nur ein? Meyer begann, ein paar Fotos von der Halle zu machen als Erinnerung. Er ging weiter und stieg über eine Treppe in den ersten Stock.

Er bildete sich ein, eine kurze Sekunde lang Chick, Mama, Wilster und Elster in Schwarz gekleidet hinter einem Stapel Holz gesehen zu haben. Lance Meyer spürte Nervosität.

Sein Handy klingelte. Er nahm ab und hörte eine Stimme, die ihm bekannt vorkam, er konnte sie aber nicht identifizieren:

"Hör zu Lance, verpiss Dich, Du bist hier fehl am Platz oder willst Du auch eine Kugel abkriegen oder im Knast landen? Hau ab!"

Wieder hörte er ein Geräusch, drehte sich um und bekam einen Schlag ins Gesicht und fiel um.

Durch die offene Seitentür betrat nun Stadtrat Handschug die alte Halle. Handschug war 73 Jahre alt, und nahm die Arbeit als Stadtrat ehrenamtlich wahr. Er war ein netter Mensch, der aber in der Vergangenheit sich in der Stadt unbeliebt gemacht hatte damit, dass er maritime Zeitzeugen wie alte Hafenschuppen, oder Werftgebäude hatte abreißen lassen ohne jegliches Gefühl dafür, dass diese Gebäude für die Fischtowner von historischem Wert waren um ihre Identität zu wahren. Manche sagten ihm nach, er habe gar kein Verhältnis zur Geschichte dieser Stadt.

Handschug holte seine Digitalkamera heraus, stellte auf Schwarz-Weiß ein und machte ein paar schöne Aufnahmen. Neben ihm ging der Bauleiter von der Firma Puckhaber. Sie gingen in den ersten Stock. Abrupt hielt Handschug inne, als er den verletzten Lance Meyer auf dem Boden liegen sah. Er wurde mißtrauisch und ängstlich, sah sich um.

Handschug sah auf eine Palette Steine aufgestapelt und weiter rechts die Bürotür.

Von irgendwoher hörte er, wie aus einem Megaphon eine Männerstimme:

"Es reicht, Handschug, sie haben genug abreißen lassen. Es wird Zeit, sie zu stoppen. Nicht, dass wir das persönlich nehmen, was sie in den letzten Jahren gemacht haben. Weiß Gott nein."

Hinter dem Steinstapel tauchten jetzt Chick, Mama, Wilster und Elster in schwarz und vermummt auf. Sie hatten automatische Waffen in den Händen. Lance Meyer richtete sich langsam wieder auf.

Der Bauleiter war geflüchtet.

Stadtrat Handschug stand ganz alleine da und atmete heftig. Sein Herz klopfte rasend. Hilflos blickte er um sich, aber da niemand von der Partei oder von der Regierung, der ihm helfen konnte. Sein Herz tat ihm weh, und ihm wurde schwindelig.

Lance Meyer war wieder zu sich gekommen und dachte:

"Diese alten Leute machen nur Scheiße. Man sollte ihnen gleich mit 65 Jahren den Führerschein weg nehmen, und was haben diese alten Knacker in der Politik zu suchen?

Wie kann man so einem alten Man soviel Verantwortung aufbürden?"

Stadt Handschug nahm seinen Mut zusammen und fing an zu reden:

"Hört zu, ich habe das hier nicht alleine zu verantworten. Ich bin führe nur Vorschriften aus. Hier ist Feuer gelegt worden, das Gebäude ist nicht mehr sicher. Teile des Gebäudes sind Einsturz gefährdet. Wir müssen handeln."

Aus dem Büro hörte man eine Stimme, die sagte:

"Im Namen des Volkes! Verräter bekommen ihre Strafe!"

Dann hörte man nur noch das Rattern eines oder mehrerer Maschinenpistolen.

"Tack, Tack, Tack. Tack, Tack, Tack."

Stadtrat Handschug wurde von mehreren Schüssen getroffen und fiel sofort tot um.

Lance Meyer flüchtete humpelnd davon und erhielt auf seiner Flucht auch noch einen Streifschuss.

Heftig atmend verließ er das Fabrikgelände, schimpfte und dachte:

"Das ist das Ende." Er lief zum Auto und rief über sein Handy die Polizei an.
Als sich die Einsatzzentrale der Polizei meldete, sagte Meyer:
"Hier ist Lance Meyer, ich stehe in der Hafenstraße vor der Industriebrache. Gerade eben ist dort in der Fabrik Stadtrat Handschug erschossen worden. Ich selbst bin auch angeschossen worden und brauche Hilfe."
Der Polizist in der Zentrale fragte ihn:
"Wer hat geschossen und wo ist der Täter? Wo liegt der Tote?"
Lance Meyer antwortete:
"Das Ganze ist im ersten Stock der Fabrik passiert. Ich konnte die Täter nicht erkennen, aber ich glaube, es waren mehrere. Sie schossen mit automatischen Waffen. Ich wurde von jemandem niedergeschlagen und war kurz außer Gefecht gesetzt. Wohin die Täter geflüchtet sind, weiß ich nicht. Stadtrat Handschug liegt im 1. Stock der Fabrik."
"Können sie die Täter in irgendeiner Weise beschreiben?"
Lance Meyer dachte nach. Dann sagte er:
"Ich meine, es wären junge Leute gewesen, vielleicht vier. Ich glaube, sie waren schwarz gekleidet."
Der Mann aus der Einsatzzentrale sagte:
"Herr Meyer, wohin sind die Täter geflüchtet? Bleiben Sie bitte vor Ort, ich schicke einen Streifenwagen und einen Krankenwagen vorbei."
Meyer antwortete:
"Ich hatte Panik nach der Schießerei und bin geflüchtet. Ich weiß nicht, wo die Täter hin geflüchtet sind."
Nachdem Lance Meyer das Handy-Telefonat beendet hatte, hörte er schon das Martinshorn in der Ferne ertönen.
Jetzt ganz ruhig bleiben. Nichts falsch machen, dachte er.

Nach dem die Einsatzzentrale das Telefonat mit Meyer beendet hatte, gab der Beamte einen Funkspruch an alle Streifenwagen in der Stadt heraus:
"Durchsage an alle. Auf dem Gelände der Industriebrache ist vor wenigen Minuten Stadtrat Handschug ermordet worden. Als Täter kommen vier junge Leute in Frage. Sie sind auf der Flucht, mit Maschinenpistolen bewaffnet und vermutlich schwarz gekleidet. Sofortige Ringfahndung rund um das Industriegelände."
Die Polizei errichtete innerhalb von Minuten an der Stresemannstraße, Melchior-Schwoon-Straße, Hafenstraße, Werftstraße Straßensperren.
Der Ring zog sich zusammen. Überall hörte man das Martinshorn.

11. Kapitel
Nachdem klar war, dass Stadtrat Handschug dort tot lag und Lance Meyer verletzt geflüchtet war, herrschte in der Vierergruppe Panik. Mama meinte zu Wilster:
"Wir hatten abgesprochen, dass wir ihn unter Druck setzen wollten. Wir wollten ihm Angst machen. Und Du ballerst auf den alten Mann, als sei er ein Karnickel."
Und zu Elster meinte sie:
"Du hast noch in der letzten Sitzung große Worte verloren, dass es friedlich sein muss und dass Gewalt uns schadet, und Du ballerst hier herum, als gehe es um dein Leben."
Jörn Waage alias Elster antwortete:
"Tut mir leid, mir sind die Nerven durchgegangen in der Aufregung."
Chick wurde klar, dass ihre Zeit lief, wenn sie nicht gefasst werden wollten. Er sagte:
"Wir müssen jetzt hier ganz schnell weg. Packt eure Waffen in die Rucksäcke. Und dann nichts wie weg. Ich kenne in der Thorner Straße Jemanden, da können wir erst mal unterschlüpfen. Aber wir müssen die Waffen vorher irgendwo lassen."
Von weitem hörte man das Martinshorn.
Als sie über das Gelände liefen, merkte Elster, dass er blutete, er hatte sich irgendwo verletzt.
Sie rannten die Werftstraße hoch in der Angst, dass ihnen jeden Augenblick ein Streifenwagen entgegen kommen konnte. Sollten sie sich trennen?
Mama war aufgrund ihrer Gehbehinderung nicht so schnell, und hatte große Mühe, hinterher zu kommen. Nach hundert Metern warf sie ihre Waffe über den Gartenzaun und ging langsam weiter. Laut schrie sie den anderen hinterher:
"Lauft zu, ich kann nicht so schnell. Ich gehe zu einer Freundin um die Ecke. Kümmert Euch nicht um mich."
Ein Streifenwagen kam die Werftstraße mit Martinshorn und Blaulicht hochgerast, gerade in dem Moment, als die Dreiergruppe in die Nebenstraße abgetaucht war. Mama lief den Polizisten direkt in die Arme. Der Streifenwagen hielt an. Misstrauisch stiegen die beiden Polizisten aus.
"Polizeikontrolle. Weisen Sie sich bitte aus. Wo kommen sie her? Sie machen einen so aufgeregten Eindruck. Sind sie auf der Flucht? Haben sie ein paar schwarz gekleidete, junge Leute gesehen?"
Frau Lehmann zeigte ihren Personalausweis vor. Sie sagte:
"Ich musste gerade vor einem großen Hund in der Hafenstraße flüchten. Ich bin noch ganz außer mir. Junge Leute habe ich nicht gesehen."
Die Polizistin notierte die Personalien von Frau Lehmann und bemerkte, dass die Frau recht korpulent war und schlecht gehen konnte. Recht glauben mochte sie ihr die Geschichte mit dem Hund nicht. Weiter fragte sie:
"Haben sie etwas Auffälliges beobachtet? Auf der Industriebrache soll geschossen worden sein."
"Ja", meinte Frau Lehmann, "Schüsse habe ich auch gehört."
Der Polizist traute Frau Lehmann nicht über den Weg. Sie kam genau aus Richtung der Alten Fabrik und er hatte beobachtet, dass sie schnell gelaufen war, bevor sie den Streifenwagen entdeckt hatte. Und er meinte gesehen zu haben, dass sie etwas über den Zaun geworfen hatte. Oder irrte er sich? Laut sagte er:
"Wir müssen Sie bitten, noch als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Kommissar Kammeier kommt gleich, er möchte sie noch selbst befragen."
Der Polizist forderte Verstärkung an, um den Garten abzusuchen. Während dessen stieg Frau Lehmann in den Polizeiwagen ein. Der Polizeiwagen setzte sich Richtung alte Fabrik in Bewegung.

12. Kapitel
Kurze Zeit später klingelte Kommissar Kammeiers Handy. Er hatte kein gutes Gefühl, freute sich aber über seinen schönen lauten Klingelton. Es war die Einsatzzentrale der Polizei dran.
"GutenMorgen, Herr Kammeier. Wir bekommen gerade einen Notruf von der alten Fabrik. Dort soll Stadtrat Handschug von vier schwarz gekleideten jungen Leuten mit MP`s erschossen worden sein. Der Zeuge, ein Lance Meyer, wurde angeschossen und wartet dort. Wir haben eine Ringfahndung ausgelöst und Straßensperren aufstellen lassen.
In der Werftstraße hat ein Streifenwagen eine ältere Frau aufgegriffen, von der wir nicht wissen, ob sie mit der Sache was zu tun hat. Eine Frau Lehmann. Fahren Sie bitte sofort los, ich informiere Kommissar Engelhardt noch."
"Roger over!. Kammeier legte auf.
Soviel Aufregung am frühen Morgen, dachte er.
Er ging zum Auto und fuhr los. Weit hatte er es von Zuhause nicht.
Es war draußen kälter geworden und die Sonne schien.
Nachdem er die erste Straßensperre in der Hafenstraße passiert hatte, konnte er zu Fuß über die Straße zur alten Fabrik gehen. Am Eingang zum Parkplatz wartete Klaus Engelhardt schon auf ihn. Und dort stand auch der verletzte Lance Meyer. Es schien aber nicht so schlimm zu sein. Auf dem Parkplatz der alten Fabrik stand ein Bereitschaftswagen und mehrere Polizeiwagen mit Blaulicht.
Kammeier stellte sich Lance Meyer vor.
Der Kommissar sagte zu Meyer:
"Kommmen Sie bitte mit und zeigen Sie uns, wo und wie es passiert ist. Sind Sie o.k. oder brauchen Sie sofort einen Arzt?"
Lance Meyer sah etwas blass aus, fühlte sich aber wohl noch fit, der Polizei zu helfen. Er antwortete:
"Ja, es wird gehen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo es passiert ist."
Während sie zum Tatort gingen, dachte Lance Meyer nach. Spätestens wenn Bernhard Brinkmann von der Politischen Polizei hier auftauchte, würde klar sein, dass er zur Leher Bürgerwehr gehörte, diese geleitet hatte, und die Mitglieder, die grade geflüchtet waren, kannte. Wenn auch nur mit Aliasnamen. Er saß in der Patsche. Er hatte mit der Aktion der Vierergruppe zwar nichts zu tun, aber er hatte sie erkannt. Was sollte er tun. Er begann zu schwitzen. Er musste jetzt an sich denken und daran, wie er möglichst ungeschoren heraus kam. Er kannte viele Leute in der Stadt und viele in der Arbeitspartei kannten ihn.
Er nützte nichts, er musste auspacken und sich reinwaschen.
Als sie im ersten Geschoss angelangt waren, berichtete Lance Meyer:
"Von dort drüben haben vier junge Leute geschossen. Sie waren schwarz gekleidet. Und ihre Waffen sahen aus wie Maschinenpistolen. Ich weiß nicht, ob sie alle bewaffnet waren oder nur zwei."
Kommissar kannte Lance Meyer aus der Zeitung. Man sagte ihm nach, dass er etwas mit der Leher Bürgerwehr zu tun habe. Kammeier fragte:
"Warum sind sie hierher gekommen?"
"Nun", meinte Lance Meyer, "ich hatte vom drohenden Abriss gehört und wollte noch ein paar Fotos machen."
Kammeier fasste nach:
"Haben sie die jungen Leute erkannt? Man sagt ihnen nach, dass sie auch zur Bürgerwehr Lehe gehören?"
Lance Meyer holte tief Luft. Sein rechter Arm schmerzte von dem Streifschuss.
"Ja, das ist richtig, ich habe auch in der Bürgerwehr gearbeitet. Und die jungen Leute gehörten auch zu der Gruppe."
"Haben Sie Namen für uns oder Personenbeschreibungen?"
Als Lance Meyer aus dem Fenster sah, bemerkte er, dass zwei Polizisten unten auf dem Hof Mama begleiteten. Oh Gott, dachte er, die erste haben sie schon.
Laut sagte er:
"Ich konnte sie von weitem nicht wirklich erkennen, aber ich glaube, es waren Wilster, Elster, Mama und Chick."
Kommmisar Brinkmann von der Politischen Polizei tauchte auf und begrüßte überrascht Lance Meyer.
"Na, was schief gegangen? Das hier geht wohl auf das Konto Deiner Leute, oder?"
Zu Kommissar Kammeier gewendet, meinte er:
Lance Meyer gehört zur Leher Bürgerwehr und die Handschrift des Mordes trägt eindeutig Hinweise auf diese Gruppe. Weiter meinte er:
"Lance Meyer war der Leiter der Gruppe, hat aber auch für uns gearbeitet und uns Informationen gegeben. Sag mal Lance, gehört die ältere dicke Frau Lehmann da unten auch zu Euch?"
Lance Meyer sah aus dem Fenster und nickte zu Brinkmann, dann fiel er bewusstlos um.


Die Kommissare Engelhardt und Kammeier vernahmen Frau Lehmann, genannt auch Mama. Dabei kam heraus, dass sie die Klarnamen ihrer Mittäter nicht kannte. Die Kriminaltechnische Abteilung begann damit, das Gebäude insbesondere den ersten Stock zu untersuchen und fand erwartungsgemäß Blutspuren in der Nähe der aufgestapelten Steine. Neben und in der Leiche von Stadtrat Handschug fanden sich Patronenhülsen. Lance Meyer hatte Mama Lehmann als zur Leher Bürgerwehr zugehörig identifiziert, insofern war sie jetzt keine Zeugin mehr, sondern Tatverdächtige. Als sie im Bereitschaftswagen saßen, fragte Kommmissar Kammeier nach dem Tathergang. Frau Lehmann erzählte:
"Wir hatten uns zu Viert abgesprochen, dass wir dem Stadtrat eine Lektion erteilen wollten. Er sollte einen ordentlichen Schrecken kriegen. Niemand hatte vor, ihn zu töten. Aber die Sache ist aus dem Ruder gelaufen, bzw. Wilster hat sein eigenes Ding gemacht und auf ihn geschossen. Und Elster sind wohl in der Aufregung die Nerven durchgegangen, der hat auch geschossen. Wer getroffen hat, weiß ich nicht.
Ich bin in der Bürgerwehr immer für Gewaltlosigkeit und Argumentation eingetreten, genauso wie Lance Meyer."
Kommissar Kammeier meinte dann zu ihr:
"Hatten sie alle vier Maschinenpistolen dabei?"
"Und wo ist ihre geblieben?"
Frau Lehmann meinte, sie habe ihre Waffe aus Angst über den Gartenzaun Werftstraße geworfen.
Kammeier schüttelte mit dem Kopf und fragte sich, was diese nette ältere Dame dazu bewogen haben mochte, bei dieser bewaffneten Aktion mit zu machen.
"Wenn sie doch für Gewaltlosigkeit sind, warum haben sie dann bei dieser bewaffneten Aktion mit gemacht?" fragte der Kommissar.
Frau Lehmann sah ziemlich zerknirscht aus und antwortete:
"Ich hatte eine solche Wut im Bauch gegen diese ständige Abriss-Aktionen von Stadtrat Handschug, vor allem jetzt, wo er unser Projekt mit der alten Fabrik kaputt machte."
Kurz darauf kam ein Polizist mit der Maschinenpistole, die Frau Lehmann über den Zaun geworfen hatte.
Kommissar Charly Kammeier sagte zu seinem Kollegen Engelhardt:
"Wir nehmen Frau Lehmann mit ins Büro. Und lass die Blutspuren nach DNA untersuchen, vielleicht haben wir den Mörder schon in der Datei. Ich frage mich, wo die drei anderen stecken. Nach dem Beschreibungen von Frau Lehmann gehören sie zu den Anarchisten, der verbotenen KPD und einer, dieser Elster soll Klaus Waage sein, den wir noch von einem anderen Mordfall in Schiefhausen kennen. Frau Lehmann müssen Fingerabdrücke genommen werden. Einmal das ganze Programm, wer weiß, ob sie nicht doch die tödlichen Schüsse abgegeben hat."


Kapitel 13
Es war erstaunlich schnell gegangen, dass die Polizei eine halbe Stunde nach den tödlichen Schüssen auf den Stadtrat schon den Leiter der Bürgerwehr und ein weiteres Mitglied, nämlich Mama Lehmann gefunden hatte. Der Leiter der Leher Bürgerwehr, Lance Meyer, war dem Politkommissar Brinkmann bekannt, weil er für die Polizei arbeitete. Und von Meyer hatte Brinkmann seine Informationen über die Arbeit der Bürgerwehr und ihre Aktionen.
Lance Meyer war zur Zeit nicht vernehmungsfähig, Brinkmann ging aber in einem Gespräch mit Kommissar Kammeier davon aus, dass Lance Meyer nicht mehr wusste. Ihm war bekannt, dass sich die Teilnehmer dieser Bürgerwehr nur mit Alias-Namen ansprachen, und er kannte aus den vielen Sitzungen auch die exakte politische Einstellung der einzelnen Kämpfer.
Umso mehr wunderte Brinkmann, dass Mama Lehmann dort bewaffnet aufgetaucht war, ein Tatbestand, der gar nicht zu ihr passte.
Man würde Frau Lehmann erkennungsdienstlich behandeln, die automatische Waffe untersuchen, es war aber schon klar, dass aus dieser Waffe in den letzten Tagen nicht geschossen worden war.
Kommissar Kammeier war wieder in sein Büro zurückgekehrt und unterhielt sich nett mit seiner neuen Mitarbeiterin, Monika Bellmann. Monika war eine kleine korpulente Person, dunkelhaarig, 1,65m groß, braune Augen und ein guter Kumpel. Sie konnte arbeiten, hielt sich aber oft an keinerlei Spielregeln. Sie litt unter ihrer Fettsucht und Korpulenz. An manchen Tagen litt sie an Depression. Ihre Mutter war vor Jahren ermordet worden und noch heute litt sie unter Flashbacks. Kammeier arbeitete gerne mit ihr zusammen, auch wenn sie manchmal etwas schwierig wurde.

Charly hatte die Beine hochgelegt und blickte nach draußen. Sonniges Wetter in Fischtown.
Wohin waren die drei von der Tankstelle, er meinte, die drei von der Bürgerwehr geflüchtet sein? Sie waren durch die Polizeikontrollen entkommen. Vielleicht waren sie nur etwas schneller als Frau Lehmann gelaufen. Vielleicht hielten sie sich noch irgendwo in der Nähe der alten Fabrik auf?
Charly Kammeier hatte eine ganze Menge Verständnis für die Wut des Volkes über die Arroganz der Politik. Die Stadtregierung hatte sich in den letzten Monaten eine ganze Menge Schnitzer geleistet, war im Tiefschlaf gewesen und hatte sich immer mehr von den Wünschen des Volkes entfernt. Da musste man sich nicht wundern, wenn sich der Volkszorn in Gewalt entlud.

Schaut dem Volk aufs Maul.
Der Bombenanschlag auf die ARGE, die Brandstiftung an der Cherbourgerstraße und die Schüsse auf den Amtmann waren sehr deutliche Zeichen gewesen, etwas zu ändern, aber die Herrschenden hatten geschlafen und den Protest ignoriert.
Nun ging die Angst um. Van Heukelum hatte sich schon am Morgen telefonisch gemeldet. Und jeder fragte sich, wer wohl der nächste sei. Kommissar Kammeier hatte in den Fischtown-News die Kommentare von Lonsbach und anderen gelesen. Der Tenor der Kommentare lautete: Wir verurteilen die Gewalt, aber es ist Zeit für die Herrschenden nach zu denken, und mehr aufs gemeine Volk zu hören. Das ist die Quittung.
Kommissar Kammeier sagte zu seinen Kollegen Engelhardt, Vanderbelt, Bellmann und Brinkmann:
"Ob es noch einen Mord an einem Politiker geben wird, weiß ich nicht. Mich interessiert im Moment noch mehr, ob unsere Zeugen Lance Meyer und Mama Lehmann gefährdet sind. Müssen wir damit rechnen, dass die Dreierbande versuchen wird, Meyer und Lehmann zu beseitigen, oder was haben die vor?"
Brinkmann sagte:
"Das mag komisch klingen, aber wenn die Aussage von Mama Lehmann stimmt, dass nur der Anarchist wirklich die Absicht hatte zu töten, und das passt mit meiner Einschätzung von Elster zusammen, dann müssen wir diesen gewalttätigen Anarcho finden. Nach den Infos von Lance Meyer hatte er auch seine Finger bei dem Bombenanschlag auf die ARGE als auch bei den Schüssen auf den Stadtrat im Spiel."
Kommissar Kammeier meinte:
"Wir brauchen von Lance Meyer und Frau Lehmann Personenbeschreibungen. Wir brauchen Fahndungsfotos, dann geben wir eine Fahndung mit ihren Steckbriefen raus."

Charly Kammeier blickte auf seine Nomos Ludwig, es war schon kurz vor elf Uhr. Sie hatten kalendarischen Frühling, aber der Winter war noch einmal zurück gekommen in die Hafenstadt und hatte mit aller Macht zugeschlagen.

Irgendwie war es ungeheuerlich, wie sich die Atmosphäre innnerhalb von wenigen Wochen schlagartig verändert hatte. Es war nicht der winterhafte Frühling, sondern das Versagen der politischen Klasse, die ihnen Bombenanschläge, Brandstiftung, Mordversuch und den Mord an einem angesehenen Stadtrat eingebracht hatten.

Und die Polizei durfte die Fehler jetzt wieder ausbügeln. Prügelknabe der Nation.

Die Bewegung um die Bebauung der alten Fabrik hatte in der Presse inzwischen keinen guten Ruf mehr. Manchen schmiss nun die ehrlichen Leher mit Anarchisten in einen Topf. Das war schlecht.

Vielleicht war das beabsichtigt?

Kammeier wurde durch den Blick seiner Kollegin Monika Bellmann wieder in die Realität zurückgeholt. Sie fragte:

"Haben wir noch weitere Politiker, die gefährdet sind? Oder müssen wir uns eher um die restlichen Mitglieder der Bürgerwehr Gedanken machen? Was haben Wilster, Chick und Elster vor? Oder haben die sich in irgendeiner Wohnung in Leher verbarrikadiert und haben Panik, dass wir sie finden?"

Bernhard Brinkmann ergriff das Wort:

"Diese Leher Bürgerwehr gibt es schon ein paar Jahre. Aber sie hat sich erst seit knapp zwei Jahren in die Bewegung um die Bebauung der alten Fabrik aktiv eingeschaltet. Insgesamt schätzen wir hat sie etwa 40 Mitglieder. Es gibt keine Mitgliedschaft wie in einem Verein. Das ist ein loser Zusammenschluss. Seitdem klarer wird, dass sich die Bürgerliche Partei dagegen stemmt, hat die Bürgerwehr Zulauf aus dem anarchistischen und kommunistischen Spektrum. Wobei nach unseren Informationen von den illegalen Kommunisten keine Gewalt zu befürchten ist. In dem Maße, wie die großen Parteien nicht dem Wunsch der Leher nach kamen, die Industriebrache nach den Vorschlägen dieses Investors zu bebauen, in dem Maße beobachteten wir eine Radikalisierung bis hin zu Gewaltaktionen."

Kommissar Charly Kammeier goß sich noch einen Schluck Kaffee ein, atmete tief durch. Er fragte sich, ob es wirklich darum ging, diesen Anarchisten Wilster zu fassen und dingfest zu machen, oder ob es um noch etwas anderes ging.

14. Kapitel
Wilster, Chick und Elster waren seit 24 Stunden wie vom Boden verschwunden. Den toten Stadtrat Handschug hatte man in die Pathologie gebracht, wo er von Dr. Schulz untersucht wurde. Dr. Schulz hatte drei Patronen im Körper gefunden. Eine Patrone war direkt ins Herz gedrungen und hatte den Tod verursacht.
Als Kommissar Kammeier an diesem Morgen in das Stadthaus kam, herrschte draußen eiskaltes Wetter, der Himmel hatte diese langweilige graue Farbe, die nichts Gutes verhieß. Die Temperatur zeigte 1,5°C an. Er stellte die Heizung etwas höher und sah aus dem Fenster. Dort draußen sah alles aus wie immer. Ein voller Parkplatz, hektische Menschen und ein Wetter, das nicht nach Frühling aussah.
Auf seinem Schreibtisch lag der Bericht von Bernd Brinkmann über die Leher Bürgerwehr. Darin stand, dass sich die Gruppe regelmäßig in einem Hinterhaus in der Auestraße 18 getroffen hatte. Konnte es sein, dass sie dorthin geflüchtet waren? Aber sie mussten doch damit rechnen, dass Lance Meyer oder Mama Lehmann gesungen hatten. Auch Kriminelle machten Fehler. Er würde noch heute zusammen mit dem SEK das Hinterhaus bzw. den Keller untersuchen lassen. Immerhin bestand die Möglichkeit.
Heute sollte die Kriminaltechnische Abteilung Fahndungsfotos nach den Angaben von Mama und Lance Meyer erstellen. Meyer war aus dem Krankenhaus entlassen sollte gegen 10 Uhr und hier eintreffen.

Als Chick morgens aufwachte, hatte er nicht gut geschlafen. Er hatte Angst, dass sie hier in der Thorner Straße 5 in dieser kleinen Wohnung entdeckt wurden. Das musste den Nachbarn doch auffallen. Er hatte versucht, über Handy Kontakt zu seiner Kommunistischen Gruppe aufzunehmen und sich Rat zu holen. Er konnte niemand erreichen. Hatte man ihn fallen gelassen? Waren sie zu weit gegangen?
Das war eine Scheissidee von Wilster gewesen, sich mit Maschinenpistolen zu bewaffnen und den alten Stadtrat zu erschießen. Warum hatte er nicht nein gesagt? Wenn das alles raus kam, war er seine Arbeit auf der Werft los. Und seine Freundin würde ihm den Laufpass geben.
Wie kam er hier nur wieder heil raus? Chick überlegte sich bei nächster Gelegenheit abzusetzen.
Er fragte sich, was mit Lance Meyer passiert war. Der hatte auch irgendwie einen Schuß ab bekommen, und war wohl verletzt. Wenn er den Bullen in die Hände fiel und aussagte? Und was war mit Mama, hatte die rechtzeitig flüchten können oder hatten die Bullen sie erwischt, weil sie so langsam lief. Er hatte versucht, Mama auf dem Handy zu erreichen, aber dort meldete sich nur die Mailbox. Kein gutes Zeichen. Im schlimmsten Fall wusste die Kripo jetzt schon einiges über sie.
Die Gastherme sprang an.

Einige Straßen weiter saß das Ehepaar Wilstermann kurz vor elf Uhr in seinem Haus. Bedächtig schlurfte der Achtzigjährige durchs Haus. Seine Frau Annelie saß vorne am Fenster und schaute auf den Hinterhof, wo sonst die Kinder spielten. Aber die Kinder waren seit ein paar Minuten spurlos verschwunden. Stattdessen liefen fremde Männer auf dem Hof herum. Sie waren in schwarz gekleidet und vermummt, und Frau Wilstermann musste an einen Film denken, den sie gesehen hatte. Sie hatte die Gardinen im Parterrefenster an die Seite geschoben, um besser sehen zu können. Karl Wilstermann hatte Jahrzehnte auf der Rickmerswerft als Schweißer gearbeitet, war in den Betriebsrat gewählt worden und hatte auch in der Betriebsgruppe Politik mit anderen zusammen gemacht.
Seine Blase machte ihm wieder zu schaffen, er hatte kalte Füße. Seine Augen sahen noch gut, dafür wurde seine Frau zunehmend schwächer.
Es war ruhig im Haus.
Sein Neffe war seit ein paar Tagen nicht mehr da gewesen, um sich im Keller mit seinen Freunden zu treffen.
Gegen Punkt 11 Uhr hatte das SEK das Hinterhaus Wilstermann umstellt. Auf den Dächern hatten sich Scharfschützen postiert.
Frau Wilstermann sagte zu ihrem Mann:
"Karl, was machen denn die vielen schwarzen Männer bei uns auf dem Hof?"
"Was meinst Du, Annelie?" sagte er und schlurfte heran. Als er auf den Hof sah, bekam er Herzklopfen, denn der Hof war voll von schwarzen Vermummten mit Schildern. Die alte Wilstermann zog die Gardine wieder zu und ging langsam nach hinten. Sie hatte Angst.
"Karl, was machen die da draußen, ist das die Polizei oder sind das Verbrecher?"
Sie drückte sich ängstlich an ihren Mann und suchte bei ihm Schutz. Hilflos standen die beiden Alten nun im Wohnzimmer. Dem alten Wilstermann schlug das Herz bis zum Hals.
In diesem Augenblick gab es einen fürchterlichen Knall. Die Haustür flog aus dem Schloss, mehrere Vermummte mit Maschinenpistolen stürmten das Haus.
Todes erschrocken blickte der alte Winstermann in die Mündung einer Maschinenpistole.
Jemand schrie ihn im Kasernenton an:
"Hinlegen, sofort."
Der alten Frau Wilstermann wurde schwindelig und sie fiel um.
Das SEK stürmte den Keller. Die nachrückenden Kommissare Kammeier, Engelhardt und Bellmann untersuchten den Kellerraum, in dem sich monatelang die Leher Bürgerwehr getroffen hatte. Es roch etwas feucht.
Charly Kammeier leuchtete mit seiner LED-Taschenlampe den Nebenraum mit Regalen ab und hob etwas auf, das aussah wie ein Buch. Er steckte es in einen Plastikbeutel und schob es dann in seine Manteltasche. Er fragte sich, ob sie den alten Leuten da oben nicht einen Todesschreck eingejagt hatten. Vielleicht hätte man das Ganze auch etwas friedlicher gestalten können? Der Name Wilstermann sagte ihm etwas. War das nicht der Betriebsrat von der Rickmerswerft gewesen, den er immer so für seine Standhaftigkeit bewundert hatte? Gott, dachte er, der alte Genosse Winstermann. Woher kannte der jemanden von der Bürgerwehr? Hatte Winstermann ihnen Unterschlupf gewährt? Winstermann hatte im KZ gesessen, und Winstermann war eine Zeit lang Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen. Konnte es sein, dass er zu Chick, dem illegalen Untergrundkämpfer eine Beziehung hatte?
Kammeier schwitzte.
Kammeier ging schwer atmend nach oben. Im Wohnzimmer lag die alte Frau Winstermann tot auf der Erde. Sie hatte die Aufregung nicht verkraftet. Den alten Winstermann hatte man mit Plastikhandschellen gebunden. Er lag hilflos auf dem Boden wie ein Maikäfer.
Kommeier sagte zu dem SEK-Führer:
"Sofort losbinden den alten Mann. Es reicht doch schon, dass die alte Frau hier den Herztod gemacht hat."
Die SEK-Beamten, die in der Nähe standen, nahmen ihre Masken ab und machten betroffene Gesichter.
Karl Winstermann weinte, er lag auf dem Boden neben seiner Frau und jammerte:
"Annelie meinte Liebste, mein Ein und Alles, verlass mich nicht."
Kammeier rief über Handy einen Notarzt und einen Krankenwagen.
Der alte Winstermann lag neben seiner toten Frau und sagte:
"Wir hatten uns doch geschworen immer zusammen zu bleiben. Oh Amelie, ohne Dich will ich auch nicht mehr sein."
Karl Winstermann starb auf dem Weg ins Krankenhaus noch im Rettungswagen an Herzversagen.

Kapitel 15
Kommissarin Kammeier saß am Samstag morgen bei freundlichem und hellem Sonnenschein in seinem Büro im Stadthaus. Seine Frederic Constant zeigte kurz nach acht Uhr. Der Frühling war fast mit Gewalt in Fischtown eingebrochen.
Die Temperaturen stiegen in den letzten Tagen auf milde und angenehme 14, 15°C.
Charly Kammeier feierte den Frühling, die Sonne und das schöne Wetter.
Das tat ihm gut.
Sie hatten Ende April. Draußen wurde alles grün und die Natur stand in Blüte. Charly Kammeier legte seine Füße auf den Schreibtisch. Was machte er hier überhaupt?
In den letzten Wochen hatte fast jeden Tag ein Kommentar in den Fischtown-News gestanden. Und immer wieder wurden die Politiker auf ihre Versäumnisse beim Autobahnzubringer Cherbourgerstraße hingewiesen. Die Opposition hatte sogar den Rücktritt der Stadtregierung gefordert. Sollte der Containerterminal wirklich gegenüber Hamburg und Rotterdam ins Hintertreffen geraten, nur weil der Autobahnzubringer zum Containerterminal verstopft war? Wer wollte stundenlang in Staus mit seinem LKW zubringen?
Kammeier beobachtete besorgt, dass seit einiger Zeit vermehrt Container-LKWs durch die Stadt fuhren, und die Straßen unsicher machten. Container-City.
Mit Hilfe von Mama Lehmann und Lance Meyer waren Steckbriefe mit brauchbaren Portraits erstellt worden. Bundesweit fahndete man nach Wilster, Elster und Chick. Informanten der Politischen Polizei wollten wissen, dass die drei sich in einer Wohnung in der Thornerstraße 7 aufgehalten hatten. Als man die Wohnung gestürmt hatte, waren die drei schon verschwunden. Die Polizei hatte die Wohnung auf den Kopf gestellt und sie hatten Hinweise gefunden, die besagten, dass sich die Gruppe getrennt hatte. Chick von der illegalen KPD war wohl in den Untergrund gegangen. Elster hatte man in Lehe gesehen. Und über Wilster gab es den Hinweis, er halte sich auf Sylt auf.
Kammeier meditierte vor sich hin.
Er dachte an den schönen Abend mit seiner Frau Maria am Freitag. Sie hatten zum zigsten Mal "The best of Diana Krall" gehört und waren sich in ihrer Begeisterung für die Jazzerin und ihre magische Stimme einig.
Nach allen vorliegen Informationen ging Kommissar Charly Kammeier davon aus, dass Wilster, der Mörder von Stadtrat Handschug sein musste.
Elster oder auch Jörn Waage genannt, hatte zwar vor einigen Jahren zwei Türken ermordet, Kammeier ging aber davon aus, dass er sich verändert hatte. Im Gegenteil, Jörn Waage hatte in der Leher Bürgerwehr eine positive Rolle gespielt.
Von Kriminaldirektor van Heukelum hatte Kammeier den deutlichen Hinweis bekommen, dass man oberer Stelle nicht wünsche, dass die Ermittlungen wegen des Mordes am Baustadtrat forciert würden. Der Baustadtrat war zuletzt in Ungnade gefallen und die rechte Kanalarbeiterfraktion in der Arbeitspartei hatte ihn schwer angeschossen. Man wollte Ruhe an dieser Front. Lassen Sie sich Zeit, sagte der Direktor und lächelte. Ernster meinte er dann zu Kammeier:
"Seit Monaten ist in der Presse zu lesen, dass Rentner verunglücken, tot aufgefunden werden, vielleicht sogar ermordet wurden. Wir haben Anweisung uns verstärkt um diese Sache zu kümmern."
Im Rahmen der politischen Offensive gegen die Leher Bürgerwehr war auch ihr Leiter Lance Meyer ins Fadenkreuz geraten und bei den entsprechenden Stellen in Ungnade gefallen.
Während Charly ganz tief Luft holte, holte sein Ministerialdirektor zum Schlag aus und sagte in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete:
"Kümmern Sie sich sofort um die Aufklärung dieser diversen Rentnermorde. Lance Meyer hat sich wiederholt in der Vergangenheit rentnerfeindlich geäußert. Nehmen Sie den mal genauer unter die Lupe. Frau Schwarzkopf soll sich um die Rentnermorde kümmern, sie bleiben an dem Mord an Stadtrat Handschug und dem Mordversuch am Amtmann dran. Gibt es eigentlich Neuigkeiten, wer die Bank an der Cherbourgerstraße angezündet hat?"
Kammeier wurde es ungemütlich. Er antwortete:
"Es waren soviele Trucker an der Brandstiftung beteiligt, die Polizei kam ziemlich spät. Es sieht schlecht aus."
Van Heukelum: "Ist eigentlich geklärt, wer die Bombe auf die ARGE geschmissen hat?"
Kammeier hatte das Gefühl, als würde er für etwas schuldig gemacht, dass er nicht gemacht hatte. Laut sagte er:
"Dafür ist das LKA zuständig. Was ich von den Kollegen weiß ist, dass eine Anarchistengruppe namens Bakunin dahinter stecken soll. Aber es sieht schlecht aus mit Spuren."
Kammeier war überrascht als sein Vorgesetzter sagte:
"Die da oben müssen sich doch nicht wundern, wenn so etwas wie Bombenanschläge, Brandstiftungen und Morde an Politikern passiert. Die oben machen doch was sie wollen. In der Sache Industriebrache hören sie nicht auf die Leher, wollen einen Supermarkt hinsetzen. Wegen dem Autobahnzubringer Containerterminal schläft die Politik oder sitzt das Problem solange aus, bis die Container nach Hamburg gehen. Und das arrogante Verhalten der ARGE gegenüber den Arbeitslosen, ist doch kein Wunder.
Als sie ALG II eingeführt haben, habe ich gedacht, das wird Ärger mit den Arbeitslosen geben. Und richtig. Sie haben die Bezüge gekürzt, ARGE-Mitarbeiter sind telefonisch nicht zu erreichen. Die Arge macht einen Scheißservice mit ihrem Callcenter.
Ganze Straßenzüge in Lehe, Leherheide und Grünhöfe saufen ab, die Menschen verwahrlosen und verelenden. Die Lebensmittelpreise steigen. Viele müssen zur Tafel gehen um zu überleben. Die Unzufriedenheit wächst."
Als Kommissar Charly Kammeier das Stadthaus verließ und zu seinem silbergrauen 3er BMW ging, schnupperte er die Luft. Sie roch gut. Es war noch kühl. Es war wie ein Wunder, wenn die Natur im Frühling wieder erwachte.

Im Laufe des Morgens bekam Kommissar Kammeier Besuch von seiner attraktiven Kollegin Simon Schwarzkopf. Sie hatte ein eng anliegendes Kleid an, dass ihre Form vollendete Figur betonte und Charly Kammeier schoß das Blut in den Unterleib. Er bedauerte es nicht mehr 30 zu sein.
Sie lachten sich an wie in alten Zeiten, als sie noch eng zusammen gearbeitet hatten.
Das Außenthermometer in seinem Büro zeigte 17,5°C an. Simone setzte sich, schlug ihre schöne langen Beine über einander und fragte schelmisch:
"Na Charly, wie läufts? Alles im Griff? Was macht der Mord an Stadtrat Handschug?"
Sie hatte eine so natürliche Art, dass er jedes Mal wieder begeistert war. Zu sich sagte er innerlich:
Hörzu, dass sind nur die Hormone. Das ist von der Natur so gewollt. Das ist doch klar, dass ich alles bumsen will was gerade geschlechtsreif ist. Wenn ich nicht so reagieren würde, wäre ich unnormal.
Laut sagte er:
"Ich habe das Gefühl, die Polizei muss ausbaden, was die Politik verzapft. Das Establishment macht eine volksfeindliche Politik, die Menschen gehen auf die Straße und protestieren. Sie wehren sich, greifen zu den Waffen, und wollten die da oben weg haben. Sicherlich mit den falschen Mitteln, aber...
Wir kommen nicht weiter. Von oben gibt es jetzt die Anweisung in der Mordsache Handschug langsam zu machen. Du sollst Dich um die sogenannten Rentnermorde kümmern. Schönen Gruss vom Chef."
Simone Schwarzkopf wechselte die Beinstellung und Kammeier hatte den Verdacht, sie habe keinen Slip an, aber... das bildete er sich sicherlich nur ein. Er dachte:
Ach, was bin ich für ein Sexist, dachte er und musste lächeln.
Simone Schwarzkopf sagte leise:
"Die Bevölkerung vergreist, wir bekommen immer mehr Alte, die nicht arbeiten. Es gibt immer mehr Alte die mit durchgefüttert werden müssen. Das gibt Antistimmungen. Wie die Sache neulich auf dem Autobahnzubringer, wo Lance Meyer den alten Mann im Golf bedrängt haben soll.
So richtig glauben kann ich alles doch nicht."
Frühling mit grauem Himmel.
Sie fuhr fort.:
"Ich bin gestern mit einem Sozialarbeiter vom Jugendamt zusammen getroffen, der mir erzählt hat, dass die Stimmung unter den ausländischen Jugendlichen sehr schlecht ist. Besonders in Lehe, Leherheide und Grünhöfe gibt es Gruppen, die stinksauer sind und auf eine Gelegenheit zum Losschlagen warten. Wenn die Politik nicht aufpasst, bekommen wir hier auch Pariser Verhältnisse. Die türkischen und anderen ausländischen Jugendlichen haben keine Ausbildung, keine Arbeit und schlechte Schulausbildungen. Sie haben das Gefühl nicht dazu zu gehören. Sie wollen, dass man sich um sie kümmert."
Charly Kammeier goß Simone Schwarzkopf Kaffee ein. Er fühlte sich in ihrer Gegend wohl und freute sich, wenn sie da war. Er sagte:
"Brinkmann von der Politischen war bei mir gestern. Er hat erzählt, dass es in den Stadtvierteln brodelt. Die illegale KPD hat dort einen gewissen Einfluss gewonnen. Brinkmann glaubt, dass es nur noch eines kleinen Anlasses bedarf, dass das Fass überläuft, sprich, dass die ausländischen Jugendlichen auch wie in Paris, Autos anzünden, Geschäfte plündern oder so. Das Ganze ist zwar organisiert, aber nicht fassbar."
Simone Schwarzkopf wohnte nicht in Fischtown. Sie sah das Ganze aus der Sicht einer Bremerin.
"Eure Provinzregierung hier in Fischtown schläft im Tiefschlaf, verschläft die dringenden Problem. Wielange wird es noch dauern mit der der Untertunnelung der Cherbourger Straße? Von mir aus können sie den Autobahnzubringer auch im Norden über Langen laufen lassen, aber sie müssen etwas tun.
Wenn jetzt Onrogate 500 Arbeitsplätze am Containerterminal schaffen will und davon 300 junge Arbeitslose schulen und einstellen, dann ist das genau das richtige.
So etwas wird die Stimmung unter den Arbeitslosen verbessern.
Das da einige Leute so sauer sind, dass sie Bomben schmeißen, läßt doch sehr nachdenklich werden. Selbst wenn Du den Mörder vom Baustadtrat fassen solltest, was ich Dir wünsche. Die politischen Probleme, die dahinter stehen sind damit überhaupt nicht gelöst. Der Mord hat sie allerdings auch nicht gelöst."


Kapitel 16
Der Klient hatte sich in den letzten Monaten merklich verändert. In seiner Wohnung reichte ihm nun die Matratze auf dem Fußboden. Um Nägel in den Wänden befestigen zu können, hatte er quadratische Löcher in die Wände geschlagen. Der gesamte Fußboden war mit Zeitungs- und Papierschnipseln übersät. Er hatte in seinen Papieren Ordnung gemacht.
Er hörte wieder die Stimme seines Herren, die dort aus der Steckdose kam.
Er versuchte weg zu schauen, weil sie ihm unangenehm war.
Die Fensterbank hatte er mit einem Hammer bearbeiten müssen.
Nein, bei seinem Psychiater Dr. Li Chang war er zuletzt im Herbst gewesen. Er brauchte keine Tabletten. Er war gesund. Es ging ihm gut.
In der Küche und im Badezimmer lief das Wasser aus den Hähnen, schon seit Tagen. Das war notwendig. Ein Außenstehender hätte gemeckert, dass die Herdplatten glühten, aber für den Klienten war das so in Ordnung.
Er blickte auf die Straße und entdeckte die brennenden Autos. Ausländische Jugendliche waren dabei Geschäfte und Autos anzustecken.
Wieder hörte er die Stimme des Herrn von Fischtown., die zu ihm sagte:
"Diener, geh und mach Deine Arbeit. Räum endlich auf, mach Ordnung."
Der Diener spürte wie "er" ihm wieder hinten eins reinhaute.
Er griff nach der Weinflasche und nahm einen Schluck. Er hatte seine eigene Medikation.
Der Diener des Herrn hatte verstanden. Er war bereit den Auftrag auszuführen.

17. Kapitel
Am 1. Mai saß Kommissarin Simone Schwarzkopf schon früh in ihrem Büro im Stadthaus mit Blick auf den Parkplatz. Sie hatte nicht mehr schlafen können und hatte ihrem Freund in Bremen einen Zettel hin gelegt und war zur Arbeit gefahren. Sie blickte auf ihre Nomos Tetra, ja es war erst 7.06 Uhr. Ihr Außenthermometer verriet ihr 10,3°C. Meteorologen hatten für diesen Tag Temperaturen bis 15°C angesagt.
Früher hatten sie den 1. Mai den Kampftag der Arbeiterklasse genannt. Vorbei die Zeit. Simone hockte vor Unterlagen und Zeitungsartikel über die sogenanten Rentnermorde der letzten Monate. In der Tat waren auffällig viele Rentner verunglückt, verstorben, vielleicht auch ermordet worden. Man hatte der Sache am Anfang nicht die Aufmerksamkeit geschenkt.
Ein Rentner war an einer Überdosis Psychopharmaka verstorben.
Die meisten Opfer hatten in der Goethestraße, Lutherstraße, Eupenerstraße und Uhlandstraße gewohnt. Zufall?
Simone spannte ihren Rücken und holte tief Luft. Sie war am Vortag am Unisee gelaufen. Sie musste an ihren Freund Friedrich Meyer denken, der als Sozialarbeiter in Osterholz arbeitete. Noch einmal las sie den Artikel aus den Fischtown News. Dann fand sie etwas sehr interessantes.
How, dachte sie.

18. Kapitel
Die alte, liebenswerte Frau Schmidt wohnte in der Goethestraße 35. Sie kam gerade vom Einkauf im Edeka-Laden zurück, als sie ihren alten Bekannten auf der Straße traf. Der Bekannte war heute besonders liebenswürdig zu ihr und half ihr die Tasche in ihre Wohnung im ersten Stock tragen.
Krumm war Frau Schmidt geworden in den letzten Jahren geworden. Aber alle liebten sie wegen ihrer Bescheidenheit. Manchmal verwechselte sie schon die Tage, und auch das Wasser konnte sie nicht mehr so gut halten, aber sonst war sie zufrieden mit dem Leben. Frau Schmidt lächelte ihren Bekannten freundlich an und bat ihn in ihre Wohnung. Sie schaute ihn an. Irgendwie saß er heute anders aus. Sie fragte:
"Geht es Ihnen nicht so gut? Haben sie nicht geschlafen."
Der Bekannte lächelte etwas verkrampft, setzte sich und meinte dann zu Frau Schmidt:
"Oh, es geht mir ganz hervorragend. Ich müsste mich nur mal wieder richtig ausschlafen."
Er sah aus dem Fenster und wieder brannten dort unten Autos. Merkwürdig. Er hörte Geräusche und sah sich um, aber da war niemand. Dort neben Frau Schmidt tauchten jetzt Figuren auf, es konnte Nils Holgerson sein, aber es waren viele und sie machten ihm Angst.
Wieder kam sein Hass auf die Rentner hoch. Man muss hier aufräumen.
Und da war wieder die Stimme seines Herrn, die zu ihm sprach.
Die alte, liebenswürdige Frau Schmidt hatte ihrem Bekannten und sich eine Tasse Kaffee gebrüht. Vielleicht half ihm das. Er sah ja gottserbärmlich aus. Man konnte heute richtig Angst vor ihm kriegen.
Frau Schmidt schlurfte in ihre Küche. Hier war lange nichts gemacht worden. Sie suchte nach den Keksen.
Ihr freundlicher Bekannte holte seine kleine Flasche aus der Jacke schüttete ein paar Tropfen von dem schweren Depressiva in Frau Schmidt Kaffeetasse. Dann setzte er sich wieder brav in seinen Sessel, entspannte sich und versuchte zu lächeln.
Da war wieder die Stimme seines Herrn, die sprach:
"Gut gemacht. Nun geh, du hast heute noch viel zu erledigen."
Der Diener wartete noch ab, bis die liebenswürdige Frau Schmidt ihren Kaffee ausgetrunken hatte und dann unter epileptischen Anfällen verstarb.
Der Diener verließ unbemerkt das Haus.

19. Kapitel
Während Kommissarin Simone Schwarzkopf im Stadthaus versuchte die Rentnermorde aufzuklären, fand an diesem 1. Mai ein Sternmarsch von Arbeitslosen, Truckern, Leher Bürgern, Gewerkschaftern und anderen unzufriedenen Bürgern auf das Stadthaus 1 statt.
Gegen 10 Uhr hatten sich schon tausende auf dem Parkplatz versammelt, weitere Züge mit tausenden von Demonstranten blockierten die Hafenstraße, Blöcke in 10er-Reihen von Werftarbeiter blockierten die Stresemannstraße und die Heinrich-Schmalfedt-Straße sowie die Melchior-Schwoon-Straße. Die Polizei war völlig überfordert und machtlos.
Man war von der Dynamik völlig überrascht worden.
Im Stadthaus 1 fand an diesem Tag eine wichtige Sitzung statt. Der Autobahnzubringer Cherbourgerstraße stand zum 10. Mal auf der Tagesordnung. Man konnte sich nicht einigen.
Der Amtman erklärte:
"Uns fehlen Millionen vom Bund für den Bau einer Tunnelröhre. Und die Nordumgehung über Langen ist zwar finanziell günstiger, aber der Weg zu lang. Wir finden keine Lösung. Die Zeit läuft uns weg."
Sein Handy klingelte. Nach dem er aufgelegt hatte, sagte er sehr ernst:
"Ich bekomme grade Nachrichten vom Lagezentrum, dass mehrere zehntausend Menschen auf den Beinen sind rund ums Stadthaus und dagegen demonstrieren, dass es keine zügige Entscheidung gibt."
Von unten hörte man eine Männerstimme durch ein Megaphon sprechen:
"Es ist fünf vor zwölf. Baut endlich den Tunnel, sonst verliert Fischtown seinen guten Ruf als Containerterminal."
Von oben konnte der Amtmann die roten Fahnen der verbotenen KPD sehen.
Auch der Schwarze Block war wieder da.
In diesem Moment betrat ein schwarzer Mann den Raum und sagte:
"Ihr seid elende Versager, und nicht wert uns zu vertreten. Ihr belügt und bescheißt uns wo wir dabei stehen. Ihr nehmt uns nicht ernst. Es wird Zeit, dass ihr Provinzversager verschwindet."
Alle Anwesenden waren wie im Schock erstarrt als der Diener des Herren seine schallgedämpfte Maschinenpistole aus der Tasche zog.
Von draußen hörte man die Rufe der Massen:
"Zurücktreten! Alle Macht dem Volke. Zurücktreten."
Der Diener des Herrn drückte auf den Abzug und ließ ihn nicht mehr los.
Als der Klient den Raum verließ, hinterließ er eine Versammlung von Toten.
Als der Klient nach draußen kam, sah er tausende von Menschen dort stehen. Jubelten sie ihm zu, oder was war los? Der Klient war ganz sich mit beschäftigt. So hörte er auch nicht, als er an Chick vorbei ging, der laut zu Mama Lehmann sagte:
"Das ist der Aufstand, das Volk erhebt sich. Es ist Zeit eine neue Regierung auszurufen."

20. Kapitel

Es war eigenartig, ja merkwürdig. Als Kommissar Kammeier an diesem Abend Zuhause an seinem Computer saß, fragte er sich, was das Ganze sollte. Klar war, dass ein psychisch Kranker die gesamte Stadtregierung nieder gemetzelt hatte. Und dieser psychisch Kranke stand möglicherweise auch im Verdacht mindestens eine Rentnerin ermordet zu haben.

Jedenfalls lautete so Simone Schwarzkopfs Arbeitsthese.

Seine Frau Maria saß vor dem Fernseher und schaute sich einen französischen Krimi an.

Kommissar Charly Kammeier hatte den Aufstand der Leher gegen die Arroganz der Stadtregierung von Fischtown mit einer gewissen Sympathie verfolgt. Aber das ging nun doch zu weit. Das merkwürdige war, das nicht eine Partei, oder eine Gewerkschaft die Regierung beseitigt hatte, sondern einer, der möglicherweise so sehr unter dem Ganzen litt, dass er an ihr krank geworden war.

Es gab immer noch den Hinweis darauf, dass der Mörder von Stadtrat Handschuk sich auf Sylt aufhalten sollte. Kommissar Kammeier hatte für den 13. Mai eine Dienstreise nach Sylt geplant, um vor Ort recherchieren zu können.

Der Mord an der achtköpfigen Stadtregierung war ein Schock gewesen. Aber wer hatte diese Tat mit einer automatischen Waffe begangen? Es gab Gerüchte und Vermutungen.

Der Verdacht fiel zunächst wieder auf die bewaffnete Leher Bürgerwehr. Man hatte gleich am nächsten Tag erneut Mama Lehmann und Wilster verhört. Es wurde der Verdacht geäußert Lance Meyer habe die grausame Bluttat an der Regierung begangen. Lance Meyer war seit dem Mord an der Stadtregierung spurlos verschwunden. Ebenso konnte man Elster nicht ausfindig machen.

Seine Kollegin Simone Schwarzkopf, die Frau, die Gedanken lesen konnte, hatte gesagt:

"Wilster soll irgendwie Verwandschaft auf Sylt haben, dass habe ich in einer Akte der Politischen Polizei gelesen. Ich vermute, die beiden haben sich auf die Insel abgesetzt. Reif für die Insel."

In Fischtown boomte die Windenergiebranche und die BLG Logistics machte Umsätze und Gewinne ohne Ende. Aber in diesem Jahr wollte die BLG wieder 500 Leute einstellen. Fischtown machte sich gemächlich, auch wenn es vielen Menschen viel zu langsam ging. Fischtown, das Armenhaus der Republik.

Kammeier starrte auf seinen PC.

Im Wohnzimmer hatte seine Frau Maria ihre Lieblings -CD Diana Krall "The best of" aufgelegt. Einfach schön. Kammeier pflegte zu sagen: bei der Musik synchronisieren sich meine beiden Gehirnhälften.

Seine Kollegin Simone Schwarzkopf ermittelte in Sachen Rentnermorden. Es konnten zehn Fälle sein, es konnte auch sein, dass es nicht um Mord ging, sondern um Vorurteile, Stimmungen und Sozialneid. Eine kafkaeske Situation.

Natürlich stand seit Tagen nichts anderes in der Zeitung als der Aufstand in Fischtown, und die Morde des Pöbels an der Stadtregierung. Die verbotene KPD hatte versucht einen Arbeiter - und Soldatenrat zu installieren, das Ganze war aber im Sande verlaufen.

Die Landesregierung hatte einen Staatskommissar eingesetzt, der bis auf weiteres die Geschäfte der Fischtowner Regierung erledigte.

Auch überregional hatte der Aufstand in Fischtown hohe Wellen ausgelöst. Mein Gott, schrieb die Blödzeitung, und das im Armenhaus der Republik. Kritische Zeitungen merkten an, dass die Politiker wohl lange im Tiefschlaf gewesen seien, dass sie die Unzufriedenheit unter den Arbeitslosen, den Lehern und den Truckern ignoriert hatten.

Charly Kammeier versuchte sich mühsam klar zu machen, dass es seine Aufgabe war, den Mord an Stadtrat Handschug aufzuklären, und den achtfachen Mord an der Stadtregierung.

Aber von oben gab es Signale.

Der Mord an Handschug... den Ball flach halten hieß es von Seiten des Kriminaldirektors.

Auch das Auslöschen der Stadtregierung... Kammeier hatte den Eindruck, dass sich der neue Staatskommissar für die Angelegenheit kaum interessierte. Wie hatte er noch gesagt?

"Die Landesregierung weiß, dass es hier riesige Versäumnisse gegeben hat. Das Ganze mus man im politischen Kontext sehen. Machen Sie ihre Arbeit. Aber wirbeln sie keinen Staub auf. Wir brauchen jetzt vor allem Ruhe."

21. Kapitel
Der 10. Mai war ein wundervoller Tag, weil in Fischtown seit Tagen die Sonne prall und freundlich schien und auch für die nächsten Tage hatten die Meteorologen sommerliches Wetter angesagt. Kommissar Kammeier freute sich auf seine Dienstreise nach Sylt. Er hatte mit seiner Frau Maria besprochen, dass sie sich eine Woche Urlaub auf Sylt nehmen wollten. Ermitteln konnte er auch nebenbei noch.
An diesem Tag wurden die Benzinpreise auf über 1,50€ an allen Tankstellen erhöht. Und dann lief die Volkssseele erneut über. Wütende Autofahrer standen Schlange an den Tankstellen, forderten laut die Enteignung der Mineralölkonzerne, die Abschaffung der Benzinsteuer, mehrere Großtankstellen gingen in Flammen auf. Die Explosionen der Tanklager waren kilometer weit zu hören. An einer günstigen Tankstelle in der Langener Landstraße wurde eine Bedienung wegen ihrer Unfreundlichkeit fast zusammen geschlagen.
Die Polizei war machtlos.
An diesem Tag las Kommissar Kammeier in der Zeitung, dass das Bundesverkehrministerium sich weigerte einen höheren Zuschuss für den Autobahntunnel zu geben. Fischtown würde in Sachen Autozubringer zum Containerterminal nicht weiter kommen.
Kammeiers waren enttäuscht und sauer.

Kapitel 22
In den ersten Tagen ihres Aufenthaltes auf Sylt waren die Kammeiers damit beschäftigt die Insel kennenzulernen. Sie wohnten im vornehmen Keitum mit seinen uralten, reethgedeckten Bauernhäusern, in den heutzutage Restaurants, Hotels und Designerläden untergebracht sind. Sie hatten sich in einer Pension ein Doppelzimmer gemietet und fühlten sich dort recht wohl. Auch wenn Charly Kammeier bei den abendlichen Spaziergängen schimpfte, dass die Straße vor dem Fischfiete voller Jaguars, Mercedes S-Klasse, BMW und Sportwagen stand. Neben einem Laden auf dem Parkplatz fand er ein Schild:
„Jaguars only. Harley Davidson only.“

Er hatte nicht feststellen können, ob das im Ernst oder nur im Scherz gemeint war.
Sie unternahmen Ausflüge nach Westerland, Hörnum, List und Rantum und aßen im „Sansibar“ und lagen verträumt am Sandstrand um sich auszuruhen oder zu sonnen. Hier am Sandstrand von Rantum und Hörnig verbrachten sie ihre glücklichsten Stunden. Die Sonne schien kräftig und sie konnten stundenlang im Sand laufen. Hin und wieder musste Charly Kammeier seine Füße in die Nordsee stecken und sich kalte Füße holen. Sand, Wind, Wasser und Dünen, was wollte er mehr?
Am Morgen des vierten Tages erhielt Kommissar Charly Kammeier eine Mail von seinem Kollegen Klaus Engelhardt aus Fischtown mit einem Hinweis auf ein Haus in Kampen. Anhand der GPS-Daten hatte Kammeier das geheimnisvolle Haus mit dem Auto bald gefunden. Engelhardt hatte über das Haus an der Roten Klippe berichtet, dass dort in früheren Jahrzehnten Schriftsteller gewohnt hatten. Eine Zeitlang hatte es einer Bank gehört. Jetzt aber sollte das Haus im Privatbesitz sein und einer Frau Wallenstein aus Düsseldorf gehören.
Kammeier saß in seinem BMW und beobachtete das Treiben in der Nähe des Hauses. Gerade kam ein LKW die Düne herunter, musste aber am Stahltor halten. Erst nachdem der Fahrer ausgestiegen und einen Zahlencode in den Automaten eingegeben hatte, öffnete sich das Tor.
Niemand kam hier unbemerkt mit dem Auto herein oder heraus.
Zu Fuß setzte Kammeier seinen Weg zu dem reethgedeckten Haus an der Nordsee fort. Drei Videokameras waren an der Fronseite des Hauses und an den Ecken des Grundstücks installiert. Den Eingang bildete eine edle grüne Tür mit fünf messingbeschlagenen Klingelknöpfen.
Ein Klingelknopf war mit dem Namen „Hausverwaltung“ beschriftet.
Klaus Engelhardt hatte die abenteuerliche Idee, dass ausgerechnet in diesem Haus am Roten Kliff Wilster und Lance Meyer sich aufhalten sollten. Kammeier hatte das vage Gefühl, er solle sich Zeit lassen.

 

Kapitel 23
Am Morgen des 16. Mai schien in Keitum die Sonne hell und freundlich. Als Charly Kammeier aus dem Fenster in den grünen Garten blickte, wartete er ungeduldig darauf, dass Maria mit dem Duschen fertig würde und sie zum Frühstück gehen konnten. Er hatte Kaffeedurst. Und er freute sich auf Brötchen mit Marmelade und Käse. Kammeier gefiel die Insel Sylt, auch wenn er bisher keinen Ort gefunden hatte, in dem er gerne gewohnt hätte. Er fühlte sich noch bleischwer und hatte von irgend etwas einen dicken Kopf. Am Abend vorher hatten sie zum ersten Mal im Pensionszimmer Fernsehen geschaut.
Die Rentnermorde von Fischtown waren weit weg. Kommissarin Simone Schwarzkopf hatte ihm eine Mail geschickt aus der hervor ging, dass sie glaubte Beweise dafür zu haben, dass noch weitere Morde an Rentnern auf das Konto von Lance Meyer gingen. Schwarzkopf hatte mit dem behandelnden Psychiater von Meyer, Dr. Li Chang, gesprochen und erfahren, dass dieser schon seit Jahren wegen einer chronischen Psychose in ärztlicher Behandlung gewesen war. Seit Herbst letzten Jahres hatte sich Lance Meyer in der Praxis nicht mehr sehen lassen und dem zufolge wohl auch keine Tabletten mehr eingenommen.
Im Rahmen einer Hausdurchsuchung bei Wilster, hatten Klaus Engelhardt und Monika Bellmann interessante Unterlagen in seiner gut eingerichteten Wohnung gefunden. Auf Wilsters Computer fand man nicht nur Tagebücher, sondern auch Zugangsdaten und Links zu einem Weblog bei Google. Unter dem Namen "Bakuninskinder" hatte er dort ein Weblog geführt und unter dem Pseudonym Chitas täglich Einträge vorgenommen.
Anhand seines Adressbuches war man auf seine Tante Erika von Wallenstein in Düsseldorf gestoßen. Ihr gehörte das Anwesen auf dem Roten Kliff und Wilster besaß Schlüssel und Zugangscodes zu dem bewachten Anwesen. Seine Tante hatte ihm neben dem Studium der Wirtschaftsinformatik auch die teure Einrichtung seiner Eigentumswohnung finanziert. Aus Fotoalben und Briefen war zu entnehmen, dass er einer gutbürgerlichen Bremer Familie entstammten.
An Hand von Unterlagen aus Wilsters Wohnung im Siebenbergensweg war man auch der Anarchistengruppe Bakunin auf die Spur gekommen. Wilster hatte in seinem Tagebuch die Vorbereitungen für den Bombenanschlag auf die ARGE beschrieben und auch Hinweise auf seine Mittäter gegeben. Engelhardt hatte vom Richter Haftbefehle und Durchsuchungsbeschlüsse besorgt und auf diese Weise hatte man drei junge Leute verhaften können.
Kommissarin Simone Schwarzkopf wertete zusammen mit Sven Vanderbelt die Rentnermorde der letzten Monate aus. Bei allen „Unglücken“ wurde immer auch ein „schwarzer“ Mann beobachtet. Mal war ein Rentner auf die Straße geschubst worden, als er an einer Ampel stand. Und zufällig stand ein Schwarzer in der Nähe. Auch bei den anderen Todesfällen war immer ein „Schwarzer“ beobachtet worden.
Schwarzer aber nannte sich Lance Meyer in der Leher Bürgerwehr.
Die Wohnungsdurchsuchung von Lance Meyers Wohnung war ein Schock für die Fahnder gewesen. Die Wohnung sah aus wie nach einem Bombenangriff. Die Wasserhähne liefen. Bis auf eine Matratze gab es in dieser Wohnung keine Möbel. Unterlagen hatte er zu Papierschnipseln zerlegt. In die Wände waren quadratische Löcher gebohrt worden. Die Fensterbänke wiesen Schäden auf. Trotzdem hatten sie noch verwertbare Unterlagen gefunden.
Die Unterlagen mussten erst wieder lesbar gemacht werden.
Am Morgen des 16. Mai erhielt Kommissar Kammeier einen Anruf von seinem Vorgesetzten Kriminaldirektor van Heukelum. Der hatte bereits mit der Dienststelle in Husum telefoniert und dafür gesorgt, dass für diesen wichtigen Fall ein Kommissar namens Peter Nielsen abgestellt und auf die Insel geschickt wurde. Van Heukelum hatte für Hausdurchsuchungsbefehle und Haftbefehle gesorgt. Kommissar Kammeier aber zögerte, er hatte das vage Gefühl, er solle mit der Stürmung des Hauses noch warten.
Gegen 9.30 Uhr klingelte Kammeiers Handy. Nielsen war dran, er sagte:
„Hey, Herr Kollege wie geht’s am frühen Morgen? Entschuldigung, wenn ich Sie im Urlaub störe. Aber ich habe Anweisung von oben, Sie zu unterstützen.“
„Ach ja, hallo, mein Chef hat mir schon von Ihnen erzählt. Sagen Sie Nielsen, sind Sie schon auf der Insel?“
„Ja, ja“, meinte Nielsen aus Husum,“ ich bin seit gestern auf der Insel. Musste heute Morgen als erstes auf den Friedhof von Keitum und mir die Gräber von Rudolf Einstein und Peter Suhrkamp anschauen. Wirklich bewegend. Das war ich mir als alte Leseratte schuldig. Aber nun bin ich bereit und stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Kollege.“
Charly Kammeier sah aus dem Fenster in den frühlingshaften Garten, irgendwo hörte er eine Blaumeise zwitschern. Seine Frau Maria saß im Strandkorb und las.
Zu seinem neuen Kollegen aus Husum sagte der Kommissar:
„Wissen Sie, Nielsen, die ganze Sache gefällt mir nicht. Wir vermuten, dass unsere beiden Verdächtigen, Meyer und Wilster, sich in dem Haus am Roten Kliff versteckt halten. Das Auto von Lance Meyer, dem psychisch Kranken, der vermutlich zehn Morde an Rentnern auf dem Gewissen hat, habe ich gestern 1-2 Km vom Haus am Roten Kliff stehen sehen. Das Handy von Lance Meyer wird seit Wochen überwacht, aber die Kollegen, die seine Telefonate auswerten, haben den Eindruck, dass er schwer gestört ist. Scheinbar fühlt er sich verfolgt.
Wir wissen, dass Wilster eine automatische Waffe besitzt. Seiner Tante in Düsseldorf gehört das Anwesen. In welchem Verhältnis Wilster und Meyer zu einander stehen, wissen wir nicht. Sie haben in der Leher Bürgerwehr zusammen gearbeitet. Und Wilster steht im Verdacht gemeinsam mit drei anderen Anarchisten an einem Bombenanschlag auf die ARGE beteiligt zu sein, als auch den Stadtrat Handschug ermordet zu haben. Lance Meyer hat vermutlich zehn Rentner umgebracht und die zehnköpfige Stadtregierung ausgelöscht. Lance Meyer dürfte aufgrund seiner akuten Psychose gefährdet und gefährlich sein.“

Kapitel 24
Das Wetter änderte sich. Schon am Abend des 16. Mai spürte Charly Kammeier, dass es kälter wurde. Sie nahmen sich vor am nächsten Tag lange Poloshirts anzuziehen. Maria wollte am Samstag nach Westerland fahren um sich dort in einem Laden Sachen von Jack Wolfskin anzuschauen.
Gegen 21 Uhr bekam Kommissar Kammeier einen Anruf von Klaus Engelhardt, der sagte:
„Hallo Charly, schönen Gruß vom Chef, morgen früh um 6 Uhr wird das Haus am Roten Kliff gestürmt. Van Heukelum hat aus Husum das SEK angefordert. Nielsen soll den Einsatz leiten, weil der Chef meint, dass Du zu zögerlich bist. Van Heukelum ist sich aufgrund der Informationslage sicher, dass die Verdächtigen dort im Haus sind. Tut mir leid. Man hat Lance Meyers Handy geortet, alles spricht dafür, dass er und Wilster dort sind.“
„O.k., aber mail mir bitte Fotos von Wilster und Lance Meyer rüber. Danke. Roger over.“
Charly Kammeier saß da, war erst sauer, grinste dann plötzlich schadenfroh und meinte dann zu seiner Frau:
„Wir können morgen früh zusammen nach Westerland fahren und uns etwas Schönes kaufen. Ich bin raus. Nielsen leitet den Einsatz um 6 Uhr. Van Heukelum lässt stürmen.“
Gerade waren die Wetternachrichten von Radio Nora zu Ende, als Kammeier da saß und tief durch atmete. Er machte sich Sorgen um Lance Meyer, der ärztlich unversorgt war und möglicherweise in stationäre, psychiatrische Behandlung gehörte.
Ja, dachte, Kommissar Kammeier, der Kampf der Leher um einen schönen und lebenswerten Stadtteil geht weiter, aber ohne Gewalt.
Vielleicht haben die Herrschenden etwas dazu gelernt.
Charly Kammeier bedauerte es, dass Lance Meyer nun demnächst in der Forensik enden würde. Er hatte Lance Meyer immer irgendwie bewundert, als jemanden, der sich für seinen Stadtteil einsetzte und die Menschen liebte. Es tat Kammeier weh, zu beobachten, dass Meyer an den Verhältnissen und den Herrschenden erkrankt war.
Wilster kannte Kammeier persönlich nicht, aber er hatte seine Akte von der Politischen Polizei gelesen. Sein Klarname lautete Wilfried von Wallenstein, er entstammte einer gutbürgerlichen Familie aus Oberneuland in Bremen. Während des Studiums war er aus Enttäuschung über die Politik der Arbeitspartei zu den Anarchisten gewechselt.

25. Kapitel
Kampen am Morgen des 17. Mai. Kurz vor 6 Uhr glich das Haus am Roten Kliff einer Polizei-Festung. Eine neblige Stimmung lag über der Düne und Kommissar Nielsen schimpfte, weil es noch so kalt war. Die Polizei und das SEK hatten alle Zufahrtswege hermetisch abgeriegelt. Das Haus lag ruhig und friedlich da.
Peter Nielsen sagte zum Einsatzleiter des SEK:
„Merkwürdig, die Eingangstür steht offen, oder spinne ich?“
Nielsen hatte Herzklopfen. Laut sagte er:
„Stürmen!“
Die Scharfschützen gingen in Position.
Schwerbewaffnete und vermummte SEK-Beamte versuchten das Gelände zu stürmen, aber in der Tat: die Eingangstür stand offen.
Im Haus fand man nur Wilster alias Wilfried von Wallenstein, tot in seinem Sessel sitzen. Er hatte ein Glas Tee getrunken. Von Lance Meyer keine Spur.
Peter Nielsen ordnete eine neue Handy-Ortung von Lance Meyers Handy an und befahl einem Polizisten nach dem Auto von Meyer zu schauen und ggf. eine Fahndung raus zu geben.
Dann rief Nielsen Kommissar Kammeier an. Im Urlaub morgens um 6.15 Uhr.
Charly Kammeiers Handy klingelte schrecklich laut.
„Zum Kotzen“, sagte er laut.
Maria meinte: „Kannst Du das Scheißding nicht mal im Urlaub ausmachen?“
„Hier Peter Nielsen. Wir haben nur Wilster tot in der Villa gefunden. Lance Meyer ist spurlos verschwunden. Ich vermute, Meyer hat ihn umgebracht.“
Kommissar Charly Kammeier musste schmunzeln. Komisch, dachte er, ich hatte gleich so ein Gefühl. Hätten wir eher zuschlagen sollen?
Laut sagte Kommissar Kammeier zu seinem Husumer Kollegen:
„Wahrscheinlich hat Lance Meyer ihm Antidepressiva in den Tee getan. Das ist seine Methode, wenn er sich verfolgt fühlt. Und wo steckt Lance Meyer jetzt? Wo ist sein Auto, was sagt die Handy-Ortung? Geben Sie eine Fahndung raus.“
Während Kommissar Peter Nielsen aus dem Bereitschaftswagen auf das reethgedeckte Haus am Roten Kliff starrte, und sich daran erinnerte welche berühmten Schriftsteller hier schon gelebt hatten, fragte er Kammeier:
„Was denken Sie Kammeier, wo ist Lance Meyer hin?“
Charly Kammeier meinte ironisch:
„Natürlich zu Gosch in Westerland Fisch essen.“

Kapitel 26
Lance Meyer hatte seinen Geländewagen auf einem Parkplatz in Westerland abgestellt. Es war noch kalt. Er zog seine alte Jacke über den Pullover und stieg aus. Die gestohlene Maschinenpistole von Wilster ließ er im Auto liegen. Er nahm noch einen Schluck aus der Weinflasche und redete dann laut mit sich:“Hey. Mein Gott, Du da oben, Herr von Sylt gib mir Befehle.“
Irgendwo schwach dämmerte es ihm wie im Traum, dass er nicht in Fischtown war. Er wusste, dass Kommissar Kammeier und Brinkmann hinter ihm her waren. Wenn sie ihn doch endlich fänden. Er fühlte sich müde. Meyer hatte seit Wochen nicht geschlafen. Er war müde, so müde.
Im nächsten Moment hörte er ein Geräusch und fuhr herum. Aber es war nichts.
Im Kopf war ihm schwindelig, Nebel verwirrte seinen Blick. Wie durch einen Tunnel blickte er auf die Straße und fast wäre er vor ein Taxi gelaufen. Das Taxi hupte und Lance Meyer machte vor Schreck einen Satz.
Er konnte sich nicht konzentrieren.
Seine Gedanken machten Sprünge.
Das Bild von Wilster tauchte irgendwo neben ihm auf.
Meyer nahm einen weiteren Schluck aus der Weinflasche und torkelte Richtung Fußgängerzone. Da tauchte diese schöne, rotweiße Werbetafel auf:
Gosch. Oder Goszcz?
Bin ich in Polen? fragte er sich.
Polnischer Fisch.
Wieder hörte er Geräusche und Stimmen, versuchte das unangenehme Gefühl wegzuwischen. Es geht mir gut. Ich bin nicht krank, Herr Dr. Li Chang. Nie wieder werde ich Pillen nehmen.
Es geht mir gut.
Fast wäre er in das Schaufenster von Fisch Gosch gesegelt.
„Hey, Li Chang, Du altes Arschloch. Hey, Tschukbaron, lala, alle meine Entchen.“
Eine Frau ging an Lance Meyer vorbei und schüttelte mit dem Kopf.
Einen Augenblick lang war Lance Meyer plötzlich ganz klar und dachte:
„Wie viele Leute habe ich eigentlich auf dem Gewissen? Die vielen Rentner, konnten die etwas dafür, dass ich auch bald in Rente gehe? Und dass ich die zehnköpfige Stadtregierung niedergemäht habe?
Rentner, ihr macht mich krank und neidisch. Die da oben wollen einfach nicht zuhören, dann müssen sie fühlen.
Tot, tot, tot, ihr sei alle tot.“
Sein Handy klingelte.
„Ja, hallo“, versuchte sich Lance Meyer sich zusammen zu nehmen.
„Hallo, hier ist Kommissar Kammeier, legen Sie bitte nicht auf.“
„Oh, welche Ehre, Herr Commissario, was verschafft mir die Ehre?“ Ängstlich schielte Lance Meyer in der Fußgängerzone von Westerland nach Scharfschützen und Charly Kammeier. Nein. Da war niemand. Da war niemand. Niemannnnd.
Lance Meyer hatte große Mühe sich zu konzentrieren.
Niemand, niemand, Kammeier, Kammeier.
Was war los? Was war los.
Irgendwo hörte er Emerson, Lake and Palmer spielen.
Von Irgendwoher hörte er wieder die Stimme von Li Chang, die zu ihm sagte:
Sie müssen ihre Pillen nehmen.
Kammeier sagte am Telefon:
„Lance, wie geht es Ihnen, ich mache mir Sorgen um Sie.“
„So, so Sorgen macht er sich um mich, den Gott Gosch. Goszcz. So Sorgenmeier, Kammeier, was wollen Sie von mirrrr? Charly, Du, dass ist aber nett, dass Du Dir Sorgen um mich machst.“
Lance Meyer beendete das Telefonatgespräch und legte auf. Woher hat er meine Handy-Nummer?
Zwei Stunden später saß Charly Kammeier zusammen mit seiner Frau in einem Straßencafe in Westerland und beobachtete, wie eine Polizeistreife Lance Meyer festnahm. Kommissar Kammeier ging zu Lance Meyer um mit ihm zu sprechen, aber der war völlig verwirrt. Sie beiden Streifenpolizisten hatte die Fahndung nach Lance Meyer gelesen. Ein merkwürdiges Gefühl der Rührung überkam Kammeier. Er wusste nicht, woher es kam.
Zu den Polizisten sagte er:
„Bringen Sie Lance Meyer in die nächste Psychiatrie, er ist akut seelisch krank.“
Er setzte sich wieder zu seiner Frau. Die Sonne schien ihm auf die Haut. Sie schlürften ihren Kaffee.
Kommissar Charly griff zu seinem Handy und informierte Nielsen, van Heukelum, Klaus Engelhardt und Susanne Schwarzkopf über das Ende der Fahndung. Nielsen sollte dafür sorgen, dass Lance Meyer zunächst in die geschlossene Psychiatrie kam und dann einem Richter vorgestellt wurde, der zu entscheiden hatte, ob er in die Forensik gehörte oder in Untersuchungshaft?
Der Kampf der Leher um die Bebauung der Industriebrache war erfolgreich gewesen. Lance Meyer hatte daran seinen Anteil gehabt. Aber irgendwann war er auf Abwege geraten, als er anfing Rambo zu spielen und meinte, er müsse die Überalterung der Bevölkerung und die damit zusammen hängenden Kosten persönlich lösen. Selbstjustiz.
Charly Kammeier saß da und begann wieder seinen Urlaub zu genießen. Es war an diesem Morgen kälter als sonst. Seine Frau Maria lächelte ihn an.
Er musste an Wilster denken, dessen übertriebener Gerechtigkeitssinn ihn seine weitere Lebensperspektive gekostet hatte.
Maria reichte ihm ein Brötchen herüber und fragte:
„Na, Charly, woran denkst Du?“
„Ich versuche gerade den Fall mental abzuschließen.“
Als alter 68er hatte Kommissar Kammeier eine ganze Menge Verständnis für Wilster. Hatte er nicht auch in früheren Jahren mal Proudhon gelesen? Und manches Mal hätte er auch gerne eine Bombe geschmissen, aber... es gab Grenzen, und es war wichtig diese Grenzen einzuhalten. Er nahm sich vor Lance Meyer in der Forensik zu besuchen.
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Bremerhaven, Februar 2008

Copyright by Peter Müller, Bremerhaven

seelotse@gmail.com

http://werften.fischtown.de

1 Kommentar:

duyimink hat gesagt…

excellent articles, useful for me. keep writing and happy blogging.

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